Trump, Präsidentialismus und die Einheitsfiktion des Volkes – oder: Auf zu einer Repräsentation der Vielheit

In Der achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte verweist Karl Marx ausgehend von der Verfassung der zweiten französischen Republik vom 4. November 1848 auf die Widersprüche einer präsidialen Republik. Diese sieht er unter anderem darin, dass der Präsident zugleich eine Art Nachfolger des Königs ist, als auch institutionell in Schach gehalten werden soll – ein König auf Zeit, nicht von Gnaden Gottes, sondern des Volkes (qua Direktwahl), und neben ein wenigstens gleichgestelltes Parlament gestellt.

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Zwischen Angst und stochastischer Selbsttechnik – oder: Addendum zum Thomas-Theorem in der Corona-Pandemie

Lehnt man im Kontext der Corona-Pandemie bestimmte Handlungen ab, besteht man auf dem Tragen einer Maske in einer kleineren Gruppe etc., so wird dies schnell als Folge eines subjektiven und emotionalen Zustandes gedeutet – man ist verunsichert und ängstlich, reagiert deshalb über, so scheint es. Elizabeth Stokoe hat in diesem Zusammenhang in einer kleinen Reihe von Tweets vorgeschlagen, die „Ängstlichen“ als eine Art membership category zu fassen, mit der bestimmte Handlungen in einem Typ von Menschen zusammengefasst wird, der damit zugleich in gewisser Weise als irrational und nahezu pathologisch gilt (https://twitter.com/LizStokoe/status/1299122381345169409). Man kann sich sogar damit, zu den »Ängstlichen« zu gehören, für seine störende Insistenz auf Regeln ›entschuldigen‹, für seine Ängste kann man ja nichts …

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Architektur als Exzess

Unternehmensarchitektur wird heute wie selbstverständlich vor allem unter einem Paradigma der Rationalität und Effizienz betrachtet. Alles wird hier zweckrational ausgerichtet, vom Standort zur Innenausstattung. Gerade im »Dispositiv der Kreativität« (Reckwitz) werden dabei auch den ästhetischen Qualitäten der Arbeitsräume produktive Effekte zugeschrieben. So scheint es klar, dass die grellen Farben bei Google ein subtiler Mechanismus der Steigerung von Produktivität der Mitarbeiter sein müssen. Dazu passend konstatiert die »Farbergonomie« auf Grundlage der »Farb-Erregungs-Hypthese«, dass grelle Farben stimulierend wirken – und so etwa Innovation und Kreativität unterstützt. Dementsprechend ersetzen »opulent-prunkvolle Dessins« den ästhetischen Minimalismus der Moderne (Schlegl 2005: 225 ff.).

Erweiterung des Google Headquaters 2.0. Zürich, Architekt*innen: Züst Gübeli Gambetti, © google.
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Wer „wuppt“ hier eigentlich was? – Eine kleine Tweetanalyse

„Gewuppt“ wird in den letzten Wochen so einiges. Die Restriktionen und Veränderungen durch die „Coronakrise“ und die verdoppelte Belastung durch den Wegfall von Beschulung und Betreuung der Kinder stellen insbesondere Familien vor eine große Herausforderung. Dabei sind es häufig Frauen, an denen die Mehrbelastung hängen bleibt. Es wundert also nicht, dass man gerade in letzter Zeit davon hört und liest, was „Eltern“ oder „Mütter“ alles „wuppen“. Ist aber nicht nur der häufig mit diesem Wort beschriebene Sachverhalt ein Problem, sondern auch die Beschreibung durch das Wort selbst? Diesen Aspekt hat Christina Hölzel auf Twitter angesprochen. In einem Tweet von gestern fragt sie pointiert:

„Wuppen Männer eigentlich auch? Oder nennt man das da ‚Erfolg‘?

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Perlen vor die Säue – die „Überflüssigen“ und gesellschaftliches Potential

Der gegenwärtige Kapitalismus produziert – so eine gängige Einschätzung – „Überflüssige“. Menschen, die, wenn man so will, rechtlich inkludiert sind: „Vollbürger“, denen formal weitgehende Rechte zukommen, zugleich aber ökonomisch (in im Kapitalismus damit auch weitegehend gesellschaftlich) exkludiert (vgl. Lemke 2007: 80 f.). Im politischen Diskurs werden diese Menschen weitgehend als Kosten verhandelt. Um für Sozialleistungen zu senken, gelte es, sie zu „aktivieren“ (Bude 2008: 27 ff.). Dabei werden die Gründe für die Lage, in der sich diese Menschen befinden, weitgehend individualisiert – da wo die „Aktivierung“ und „Mobilisierung“ nicht von Erfolg gekrönt ist, ist es ihre eigene Schuld. Folgerichtig ist das naheliegende Mittel im behördlichen Umgang mit diese „Restkategorie“ (Bude 2008: 28) die Sanktion. Beispielhaft hierfür sind die Hartz IV-Gesetze.

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Vier Thesen zur Psychodynamik des Social Distancing – von Freude, Frust und Aggression

Gegenwärtig gibt es einen emotional aufgeladenen Diskurs um den Umgang mit Social Distancing. Einerseits kann eine moralisierende Abwertung „unsolidarischer“ Nah-Sozialität ausgemacht werden, andererseits wird auch wiederum die Reaktion auf diese kritisiert, in dem z. B. eine Tendenz zur Denunziation ausgemacht wird. In diese Wiedersprüche fühle ich mich selbst unmittelbar versetzt. Immer wieder ärgere ich mich. Bei Menschen, die meine Bemühungen Abstand zu halten mit der konsequenten Nutzung der Mitte des Bürgersteigs quittieren – so dass ich im Zweifel auf die Straße ausweichen müsste. Bei der Beobachtung einer kleineren Gruppe grillender Menschen – während ich selbst mir am Oster-Wochenende einen Besuch bei meiner Mutter versage. Ich möchte diese emotionale Selbstbeobachtungen als Anlass für ein paar Grundlegende Überlegungen zur Psychodynamik des Social Distancing nehmen, die uns wohl noch einige Zeit begleiten wird.

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Über den „Schutz“ von Grenzen und den Schutz von Menschen

Am vierten Februar habe ich den EU-Abgeordneten aus meiner Region geschrieben und sie gebeten sich für den Schutz der Geflüchteten und Helfer an der griechischen Grenze und auf den griechischen Inseln einzusetzen. Auf die Antwort von Sabine Verheyen (CDU) habe ich eine längere Erwiderung geschrieben, die einige Punkte aus der aktuellen Diskussion anspricht, die mir auch allgemeiner relevant zu sein scheinen. Die Nachricht von Frau Verheyen, auf die ich mich beziehe, und ihre Reaktion auf meine Antwort, findet ihr unten in diesem Post.

Sehr geehrte Frau Verheyen,

vielen Dank für ihre ausführliche Antwort. In einigen Punkten lässt mich diese jedoch sehr unbefriedigt zurück.

Erst einmal bin ich froh, dass auch Sie die Situation an der griechischen Grenze aber auch auf den griechischen Inseln (davon sprach ich ja auch) als untragbar empfinden.

Was ich weniger gut nachvollziehen kann, ist, (1) das Problem ursächlich beim türkischen Staat zu sehen. Dieser spielt sicher ein wichtige Rolle, aber man wird wohl fragen müssen, ob es ursprünglich eine gute Idee war, zu meinen, sich Asylsuchende durch einen Deal mit der Türkei vom Hals zu halten. Das Taktieren auf türkischer Seite kann wohl in nicht unerheblichem Maße als Folgeproblem dieses Versuches verstanden werden. Dass die Türkei finanziell, logistisch, aber auch gesellschaftlich besser in der Lage sein sollte, diese Geflüchteten primär aufzunehmen, ist für mich nicht nachvollziehbar.

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Lob der Kapitalismuskritik – oder: warum eine Kapitalismusfolgenkritik nicht ausreicht

Kapitalismuskritik fristet heute ein paradoxes Dasein. Einerseits erfreut sie sich als grobe und handfertige Universalerklärung allen Übels großer Beliebtheit. Andererseits wird sie als blinder und vielleicht auch impotenter Radikalismus zugunsten sozialtechnologischer Lösungen zurückgewiesen. Dass sie aber zwischen diesen Polen auch heute eine Berechtigung hat, wird deutlich, wenn man sich die konkrete Beschränktheit im Umgang mit vielen gesellschaftlichen Herausforderungen anschaut. Auch aus linker Perspektive, verbleibt Kritik oft im Status der Kapitalismusfolgenkritik. In einer solchen werden kapitalismusspezifische Zusammenhänge und ‚Gesetze‘ als selbstverständlich und unhinterfragbar hingenommen. So werden nicht die sozialen Mechanismen kritisiert, die das Feld politische Handlungsmöglichkeiten in seiner gegeben Form hervorbringen. Stattdessen bleiben Proteste häufig in dem durch diese Mechanismen eingesetzten Verhängnis verfangen. Hier kommt ein klassisches Motiv der Kapitalismuskritik zur Geltung: Der Kapitalismus ist eine Verhängnismaschine – oder, wenn man so will, zeitgemäßer, ein Verhängnisalgorithmus. Er lässt als notwendig erscheinen, was historisch kontingent hervorgebracht ist, und knotet uns somit an die gegebenen Umstände. Eine kapitalismuskritische Perspektive drängt sich also immer dann auf, wenn Folgen politischen Handelns durch scheinbar unhintergehbare Gesetze begründet werden.

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Walter Benjamin und die Revolution des Diskurses

Walter Benjamins Essay Der Autor als Produzent, in dem sich Benjamin Mitte der 1930er Jahre kritisch mit politischer Literatur auseinandersetzt und fordert, Autor*innen weniger von ihrer inhaltlichen Positionierung zu den Produktions- und Klassenverhältnissen aus zu verstehen als vielmehr von ihrer Stellung in diesen (Benjamin 2001), lässt sich auch als ein Beitrag zur Diskurstheorie lesen.

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Juvenile Briefpraktiken der frühen 2000er – Ein persönliches Erinnerungsbild

Die Freude von Zufallsfunden. Gerade habe ich einen Brief einer französischen Brieffreundin aus dem Jahr 2006 zufällig hinten in einem alten Adressbuch gefunden. Dieser Brief ergänzt einen Fund von vergangenem Jahr: eine Box mit Zetteln und Briefen vom Anfang der 2000er. An den Briefen scheint die eigene Jugend zu heften, bzw. deren Milieu – da ja nur die Worte der anderen, die Antworten auf das eigene Erhalten ist. Aus ihnen spricht viel Liebeskummer und Unsicherheit, wer man ist; die Suche nach Bestätigung und Anerkennung. Aber auch viel Langeweile: in der Schule, zu Hause, bei Hausarrest.

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