Diskursive Autorität und Unfehlbarkeit – Trump und die „Never Trumpers“

Es steht schlecht um den US-amerikanischen Präsidenten. Folgt man den Aussagen der letzte Woche öffentlich gegangenen Amts­ent­hebungs­verfahrens (genauer eigentlich: den parla­men­tarischen Vorermittlungen dazu, ob ein solches Verfahren formal durchgeführt werden soll), so deutet alles darauf hin, dass Donald Trump staatliche Mittel zur militärischen Unterstützung der Ukraine missbraucht hat, um vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj persönliche politische Gefälligkeiten zu erpressen. Insbesondere sollte die dieser – rechten Verschwörungs­theorien folgend – die Untersuchung einer vermeintlichen Einmischung der Ukraine in die US-Wahlen 2016 einerseits und Ermittlungen gegen den ehemaligen Vize-Präsidenten und aktuellen demokratischen Präsi­dent­schafts­kandidaten Joe Biden und dessen Sohn öffentlich ankündigen. Vor allem letzteres ist Stein des Anstoßes, weil Trump hier die US-Außenpolitik für den Angriff auf einen innenpolitischen Gegner nutzt – und das heißt auch: einen anderen Staat zur Beeinflussung des ameri­kanischen Wahlprozesses auffordert.

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Schichtungen – über Gertrude Steins und Patrik Ouředníks Vermessungen des 20. Jahrhunderts

In seiner intermedialen Performance Everything that happened and would happen bezieht Heiner Goebbels sich neben Patrik Ouředníks Europeana auch auf Gertrude Steins Kriege die ich gesehen habe. Das ist zunächst überraschend, ist das Spätwerk Steins doch eine Art assoziativer Zeitzeugenbericht des Alltags während des Zweiten Weltkriegs im sog. Vichy-Regime, der zuerst 1945 erschienen ist. Diesem, zum Teil sehr persönlichen, Bericht aus der Mitte des 20. Jahrhunderts steht bei Ouředník eine Ich-lose und retrospektive Komposition von mannigfaltigen Perspektiven und Positionen entgegen. Während Steins Buch von Erfahrung lebt, von einer subjektiven Perspektive, die in ihrer assoziativen und ungefilterten Narration auch nicht von den eigenen Ressen­timents, Irrtümern und Egozen­trismen bereinigt ist, erschließt sich Ouředníks Buch eher ausgehend von einer spezifischen Form der Distanznahme – eine Reflexion und Metakritik der unzähligen intellektuellen Zugriffe auf das 20 Jahrhundert.

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Schreiben als Selbstsuggestion

Das Schreiben ist ein Akt der Selbstüberzeugung, nicht Ausdruck eines vorgängigen Wissens. Die Vielschreibenden haben es geschafft, sich selbst von viel zu überzeugen. Dabei ist diese Selbstüberzeugung in ihrer Ambivalenz zu fassen. Sie ist zunächst Basis des Wissens: Ohne die Fähigkeit, sich von etwas überzeugen zu lassen, flattert der Geist im Wind der Lektüre. Erst die Fähigkeit sich in diesen Wind zu stellen, kann dessen Kraft nutzen, um im Denken voranzukommen. Zugleich birgt die Selbstüberzeugung aber auch die Gefahr einer Aushöhlung des Wissens: Wer allzu leicht sich überzeugt wird „sophistisch“, verschließt sich des Erkenntnispotentials im Namen des Erkenntnisbesitzes

Von Subjektposition zu Subjekträumen – Überlegungen zum Verhältnis von Diskurs und Subjekt

In strukturalistischer Tradition geht die französische Diskursanalyse davon aus, dass Subjekte dem Diskurs nicht zugrunde liegen, sondern von diesem allererst erzeugt werden (vgl. Angermuller 2014: 138). In diesem Kontext ist von „Subjektpositionen“ die Rede. Und während diese als zu starre Konzeption der diskursiven Hervorbringungen und Determinierung des Subjekts kritisiert werden (vgl. Schatzki 2002: 194 ff.), so ist doch die Plausibilität dessen nicht abzustreiten, dass wir nicht aus freien Stücken sprechen; dass – um gehört und ernstgenommen zu werden – wir einen Ort im Diskurs adaptieren müssen. Gerade aus diesem Sachverhalt entsteht ja eine ganze Reihe an Ambivalenzen kritischer Interventionen in den Diskurs, da diese, um wirksam werden zu können, in gewisser Weise immer auch ein Stück weit dazu genötigt werden, das kritisierte zu stützen. Im Diesseits, so könnte man zuspitzen, lässt sich nicht von einem Nicht-Ort, einem ou-topos aus sprechen, in dem die gegenwärtigen Verhältnisse schon überwunden wären.

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New publication on the freedom of research: Quelle liberté défendre?

A new article on elitist and democratic interpretations of the freedom of research has been published this week.

I just want to point to one argument put forward in the paper. This argument seems even more important today than two years ago, when I initially conceived it: The freedom of research does not presuppose a political abstinence from researchers. On the contrary, their contributions to public debates are one of the key sources for strengthening the freedom of research.

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Ideologiekritik und Hegemonie – zu einem ambivalenten Verhältnis

Interessanter als die Kritik der Dominanz der hegemonialen kulturellen Ordnung ist für eine Ideologiekritik vermutlich: zu sondieren, inwieweit sich an ihren Rändern, in Sub- und Gegenkulturen vermittelt eine Affirmation jener hegemonialen Ordnung ausmachen lassen, oder aber Momente einer wirklichen utopischen Alterität aufscheinen. Darüber hinaus finden sich aber zwei weitere nicht-triviale Optionen, Optionen also die also eine bloße Bestätigung der vorgewussten Ablehnung des herrschenden Wissens überschreiten, die zugleich aber das Terrain einer Ideologiekritik erheblich verkomplizieren: Das Aufweisen widerspenstiger Momente innerhalb der hegemonialen Ordnung einerseits. Und andererseits: die Möglichkeit einer dystopischen Alterität in Gegenkulturen zu erspüren. Letzteres hat seine Dringlichkeit insbesondere, seit der Faschismus des 20. Jh. endgültig den Glauben an garantierten Fortschritt der Menschheit zerstört hat.

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„Gefährliche Filme“ und die (Un-)Wirksamkeit der Kunst

Angesichts des neuen Joker-Films von Todd Phillips wird vor der Gefahr gewarnt, die Darstellungsweise des Films könne Gewaltnachahmungen stimulieren. Besonders in der USA werde diskutiert, so Holger Heiland in seiner Rezension aus der Jungle World, „ob der Film gar eine Welle von ‚incel violence‘ auslösen könne“, also Gewalt von misogynen Gruppen von jungen Männern, die ihre Jungfräulichkeit und eine gefühlte Ablehnung durch Frauen als Ausgangspunkt von Verschwörungs- und Gewaltphantasien – und immer wieder auch: Gewaltakten – nehmen.

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Die Wissenschaft der Klimaleugner – Über Eindeutigkeits- und Uneindeutig­keits­ansprüche an Wissenschaft

Beim aktuellen öffentlichen Streit um den Klimawandel kommt es zu einer interessanten Umkehrung im Verhältnis von Wissenschaft und Politik. Während die Wissenschaft zumeist die Eindeutigkeits­erwartungen von Politik und Öffentlichkeit nicht erfüllen kann und will, tritt hier zum Teil das Gegenteil ein. Die Wissenschaft kann die Uneindeutigkeitsansprüche von Teilen der Öffentlichkeit und Politik nicht erfüllen. In der Wissenschaft gebe es ja notwendig immer Uneinigkeit und Streit und nie Konsens, heißt es. Kaum eine Wissenschaftler*in will sich in diesem Fall allerdings dafür hergeben, hier eine Uneinigkeit zu simulieren.

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Permutationen der Geschichte – Anmerkungen zu Patrik Ouředníks „Europeana“

Anlässlich der Leipziger Buchmesse, bei der 2019 Tschechien Gastland war, hat der Czernin Verlag in diesem Jahr das Buch Europeana wieder aufgelegt. In dieser, zuerst im Jahr 2001 auf tschechisch erschienen, „kurzen Geschichte Europas im zwanzigsten Jahrhundert“, wie es im vom Verlag gewählten Untertitel heißt, legte der in Tschechien geborene und seit den 1980er Jahren in Frankreich lebende Schriftsteller und Übersetzer Patrik Ouředník weniger eine Conclusio über das gerade numerisch abgeschlossene Jahrhundert vor, als vielmehr dessen Rohform offenzulegen und die Unabgeschlossenheit seiner zum Teil widerstreitenden Deutungen sichtbar zu machen. Vermutlich ist es nicht zuletzt diese Offenheit des Buches, die seine anhaltende Brisanz und Produktivität gerade auch in den letzten Jahren erklärt. So ist 2018 eine Theaterfassung des Textes als Gastspiel eines Prager Theaters in Hannover aufgeführt und in diesem Jahr hat Heiner Goebbels in seiner multimedialen Inszenierung Everything that happens and could happen im Rahmen der Ruhrtriennale maßgeblich auf Ouředníks Text zurück gegriffen.

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Die Sehnsucht nach dem Selbst – Anmerkungen zu Ramón Sender Barayóns „Ein Tod in Zamora“

Im Gefolge der Postmoderne ist es heute üblich, auf die Fragmentiertheit und Brüchigkeit des Selbst hinzuweisen. Dies ist zunächst einmal deskriptiv durchaus angemessen. Die Kritik des geschlossenen und einheitlichen Subjekts hat durchaus eine Tradition – zu denken ist etwa an Nietzsche, Freud, aber auch Erikson. Heute scheint bei der Thematisierung der inneren Heterogenität und Unabgeschlossenheit des Subjekts neben einer deskriptiven Dimension aber auch eine normative Dimension eine Rolle zu spielen. Ein Subjekt kann gar nicht anders als konstitutiv plural und offen zu sein, diese Eigenschaften sind darüber hinaus aber auch wünschenswert. Sie stellen eine Befreiung von fixierten sozialen Zuschreibungen und deren Verinnerlichung dar.

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