CfP: Kritische Theorie und multimethodische Forschung

Ad-hoc-Gruppe auf dem 41. DGS-Kongress in Bielefeld, 26.–30. Sept. 2022 (PDF-Version)

Der Kritischen Theorie wird heute kaum Potential für die empirische Sozialforschung zugeschrieben. Häufig gilt sie entweder als empirieferne Sozialphilosophie, oder sie wird als inzwischen überholte antipositivistische Stichwortgeberin qualitativer Forschungsmethoden gesehen. 

Beide Verortungen der Kritischen Theorie sind einseitig und verkennen den Beitrag, den sie noch heute zur Sozialforschung leisten kann. Die multimethodischen Forschungsansätze der frühen Kritischen Theorie (etwa die Studien zur Authoritarian Personality oder zum Betriebsklima) geben einen ersten Hinweis, dass beide Verortungen zu kurz greifen. Wenngleich das am „Institut für Sozialforschung“ ursprünglich angestrebte Forschungsprogramm eines „interdisziplinären Materialismus“ nicht vollständig realisiert wurde, setzten die multimethodisch angelegten empirischen Arbeiten im Umfeld des Instituts für ihre Zeit Maßstäbe – auch über die Grenzziehungen  zwischen quantitativen und qualitativen Ansätze hinaus.

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Definition und Welt

„Das in der empirischen Technik allgemein gebräuchliche Verfahren der operationellen oder instrumentellen Definition, das etwa eine Kategorie wie „Konservatismus“ definiert durch bestimmte Zahlenwerte der Antworten auf Fragen innerhalb der Erhebung selbst, sanktioniert den Primat der Methode über die Sache, schließlich die Willkür der wissenschaftlichen Veranstaltung.“

Theodor W. Adorno
Soziologie und empirische Methode

Eine Wissenschaft, die Relevanz für das Leben haben will, einem anderen als sich selbst etwas sagen will, kann sich nicht ganz der alltäglichen Sprachen entwinden. Jeder Deut an ‚Klarheit‘ der durch die durchdefinierte Sprache gewonnen wird, geht ihr an Weltbezug verloren. Der Rückzug der Wissenschaft in die ‚reine‘ Geometrie ihrer durchdefinierten Begriffe kann sich den Schein der Weltlichkeit dann nur über verschleierte Homonymie geben, in der sich der idealisierte Begriff wieder heimlich mit dem alltäglichen kurzschließt. Je mehr jenem die Probleme von diesem ausgetrieben wurden, desto weniger Legitimität kann dieser Kurzschluss beanspruchen.

„Sobald dann, wie es fast unvermeidlich ist, von den instrumentell definierten Begriffen auch nur auf die konventionell üblichen extrapoliert wird, macht sich die Forschung eben der Unsauberkeit schuldig die sie mit ihren Definitionen ausrotten wollte.“

ebd.

Mag es für die Konstitution einer Wissenschaft wichtig sein, dass sie eigene Probleme – oder mit Bachelard: Problematiken –, eigene Relevanzen und eigene Fragen entwickelt, ist es für die Bedeutung einer Wissenschaft zugleich fatal, wenn sie nur noch auf diese reagieren kann und sich so in sich selbst einschließt.

Wesen des Scheins

„Hat die Theorie der Gesellschaft den Erkenntniswert der Erscheinung kritisch zu relativieren, so hat umgekehrt die empirische Forschung den Begriff des Wesensgesetzes vor Mythologisierung zu behüten. Die Erscheinung ist immer auch eine des Wesens, nicht nur bloßer Schein. Ihre Änderungen sind dem Wesen nicht gleichgültig. Weiß in der Tat schon keiner mehr, daß er ein Arbeiter ist, so affiziert das die innere Zusammensetzung des Begriffs des Arbeiters, selbst wenn dessen objektive Definition – die durch die Trennung von Produktionsmitteln – erfüllt bleibt.“

Theodor W. Adorno
Soziologie und empirische Forschung

Stolpern

Um über Empirie stolpern zu können, muss Theorie sich paradoxerweise selbst ein Beinchen stellen.

Eklektizistische Theorie

Der empirische Eklektizismus, der im Zentrum der Kritik der quantitativen und qualitativen Empiriker steht, wird komplettiert durch einen theoretischen, der nicht minder gefährlich ist. Theorie ist in Gefahr eben so wenig ernst genommen zu werden, wie Empirie. Und dieser theoretische Eklektizismus wäre Luhmann wohl mehr vorzuwerfen als sein empirischer.