Übersetzt Fakir Baykurt!

Fakir Baykurt gilt als wichtiger Autor der Literatur türkischer Arbeitsmigrant*innen in Deutschland. In Duisburg hat man einen Preis nach ihm benannt, der seit 2014 für besondere Leistungen im interkulturellen Miteinander vergeben wird. Auch einen Platz ihm zu Ehren gibt es in der Stadt, in der Baykurt die letzten 20 Jahre seines Lebens verbracht hat. Aber, obwohl das Leben im Ruhrgebiet ein zentrales Thema in seinem späten Werk darstellte, ist nur wenig davon ins Deutsche übersetzt worden. Bis heute ist nur eins der Bücher seiner Duisburg-Trilogie auch den Deutschen zugänglich, die kein Türkisch sprechen. Und wie andere seiner früheren Romane ist es lediglich antiquarisch zu erwerben. Auch bei Nachfrage bei der Buchhändler*in konnten keine aktuellen Auflagen aufgetrieben werden. Es ist geradezu absurd (und leider zugleich wohl bezeichnend), dass Baykurt einerseits deutliche Anerkennung für seine Auseinandersetzung mit der Realität von Arbeitsmigrant*innen in Deutschland erfährt, andererseits nicht genug Interesse aufgebracht wird, um sein Werk auch der deutschsprachigen Leser*innenschaft zugängig zu machen.

Ich selbst bin nur zufällig auf Baykurts Buch „Halbes Brot“ gestoßen. In einem Artikel des Straßenmagazins Bodo wurde seine Duisburg-Trilogie in einem Artikel erwähnt, der sich mit der (mangelnden) Anerkennung der Kultur von Arbeitsmigrant*innen im Ruhrgebiet auseinandergesetzt hat. Zunächst war ich irritiert, den ersten Band der Triologie nicht zu finden. Erst nach einer Weile wurde mir klar, dass er einfach nicht übersetzt wurde.

Ich bin froh, weitergesucht zu haben, bis ich schließlich zumindest an „Halbes Brot“ gekommen bin. Der Roman schildert auf ergreifende Weise ein zweites Ankommen von Kezik Acar in Duisburg – ein Ankommen in Duisburg als neuer Heimat. Nach dem frühen Tod ihres Mannes, „Eisenbahner Mustafa“, hatte sie sich nach Deutschland aufgemacht, jahrelang als Spülerin im Altenheim geschuftet, ihre Kinder groß werden sehen und durch glückliche Umstände und – das trifft es wohl am Besten – Chuzpe geschafft, ein Mehrfamilienhaus zu kaufen. Während lange Jahre Deutschland nur eine Etappe war, bevor es in die alte Heimat zurück gehen sollte, mit Haus und Weingarten auf dem Dorf, wird Kezik klar, dass es ein wirkliches Zurück nicht geben wird, als auch die jüngste Tochter noch einen deutschen Freund findet. Wenn sie nicht ohne ihre Kinder gehen will, dann muss auch Sie in Deutschland bleiben. Nun meldet aber auch ihr verstorbener Mann in Träumen Ansprüche an, dass man sein Grab zu wichtigen Anlässen der Familie besuche, wie es Brauch ist. Zaudern ist Keziks Sache nicht, und so ist beschlossene Sache, dass die Knochen des geliebten Eisenbahners Mustafa ihre letzte Ruhestätte in Duisburg finden müssen.

Den Kampf um diese Überführung, die Konflikte die um das kühne Vorhaben herum auftreten, aber auch den Zusammenhalt der Familie beschreibt Baykurt mit einer zum Teil blumigen, aber unsentimentalen Sprache. Dabei hält er Klischees und Eindimensionalitäten von seinen Figuren fern. Auch wenn die Zuneigung von Kezik Acer und ihren Kindern rühren kann und Keziks Entschlossenheit Bewunderung hervorruft, ist hier keiner über Schwächen und Fehler erhaben. Tradition und Religion sind Bezugspunkte, aber nicht als unhinterfragte Voraussetzungen. Ganz im Gegenteil: sie werden beständig hinterfragt. Und letztlich lässt man sich durch deren selbstprokamierte Hüter auch nicht vorschreiben, ob man Tote wieder ausgraben darf oder nicht.

Der Kampf um die Vereinigung der Familie, der letztlich auch ein Kampf darum ist, in Deutschland als dem Ort anzukommen, wo man eine Zukunft hat, wird in der neuen und der alten Heimat geführt. So gibt es zunächst gar keinen Ort, an dem ein türkischer Staatsbürger und Muslim begraben werden kann. Denn ein Sterben war für die „Gäste“, die nur zum Arbeiten bleiben und keineswegs Teil der Deutschen Gesellschaft werden sollten, nicht vorgesehen. Entsprechend musste nach dem Tod das durcheinander der Körper in Ordnung gebracht und die Toten an ihren rechten Platz in die Türkei überführt werden.

Und gelingt es Baykurt, in der Frage nach dem Platz für die eigenen Toten anschaulich die Frage dem Leben und der Teilhabe in Deutschland sich spiegeln zu lassen, einem Leben, das das Provisorische der eigenen Verortung abstreift. Baykurts Roman eröffnet nicht nur einen Einblick in das komplexe Leben und die Kämpfe migrantischer Familien und die Identität und Widerprüche der verschiedenen Generationen, er erhellt einen wesentlichen Bestandteil „unserer“ Geschichte, die sowohl die politische Kultur umfasst, mit der sich Familie Acar und ihre Freund*innen konfrontiert sehen, als auch ihre eigenen kulturellen und politischen Praktiken, ihre Schwierigkeiten, ihre Kämpfe, ihre Erfolge. 22 Jahre nach seinem Tod wäre es an der Zeit auch sein restliches Werk in deutscher Sprache zugängig zu machen.

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