Entfristungsgebot = Beschäftigungsverbot? Warum wir die Universitäten nicht aus der Pflicht entlassen sollten

In ihrer Kolumne zu den „Kosten zweckwidrigen Rechts am Beispiel des WissZeitVG“ kritisiert Marietta Auer die Bemühungen um eine Beschränkung der Befristung im Wissenschaftsbetrieb. Mit Verweis auf ihre eigenen Erfahrungen stellt sie fest, nicht Befristung der Beschäftigungsverhältnisse habe ihre Situation als Wissenschaftlerin prekär gemacht, sondern das „Damoklesschwert[s] der zwölfjährigen Höchstfrist nach dem WissZeitVG, nach deren Ablauf man sang- und klanglos aus der Universität hinausgeworfen wird, egal was man bis dahin in der Wissenschaft geleistet hat …“ (Auer 2025: 52). Auer greift eine durchaus verbreitete Metapher auf, wenn sie die durch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) festlegte Höchstbefristungsdauer als „ein faktisches Berufsverbot für Nachwuchswissenschaftler“ beschreibt. (Auer 2025: 53).

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Von der Reaktion zur Aktion – die Strategie Erster Kommentar

Aufgrund der schieren Mengen von abwertenden Äußerungen, Stereotypen und Beleidigungen im Netz, kommt man, wenn man diese nicht einfach stehen lassen will, schnell in einen Modus, in dem man immer „nachziehen“ muss, von den Parolen der anderen getrieben ist. Eine Zeit lang habe ich eine absichtliche Gegenstrategie ausprobiert: die Strategie des ersten Kommentars. Anstatt auf erwartbare Hetze zu warten (etwa, wenn eine neue Unterkunft für Geflüchtete gebaut wird), habe ich selbst mit einem positiven Kommentar angefangen, und dann länger nicht nach den Kommentaren geschaut. Diese Strategie hat eine Reihe von Vorteilen.

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Strategien gegen Internetparolen

Unter dem Titel „Strategien gegen Internetparolen“ möchte ich in loser Folge Blog-Posts versammeln, die sich damit beschäftigen, wie wir im Internet plumpen, stereotypen und diskriminierenden Äußerungen begegnen können. Ein solches Vorhaben wird vermutlich schnell als aussichtslos erscheinen. Angesichts immer weiter nachquellender Dummheiten und Niederträchtigkeiten, mag es erscheinen, dass Sisyphos eher seinen Stein auf den Berg gerollt hat, ehe man irgendetwas gegen Parolen im Netz ausgerichtet hat. Aber Strategien gegen Internetparolen sollen genau auch das umfassen. Es geht nicht nur darum, möglichst schlagfertig auf Hetze zu antworten und in permanenter Gegenrede-Arbeit zu versinken – sondern die Mechanismen zu verstehen, die Gegenrede erschweren und eine realistische Einschätzung zu gewinnen, was Gegenrede im Netz vermag. So soll verhindert werden, dass man dauerhaft ausgelaugt und enttäuscht „vom Platz“ geht.

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„Because it’s 2024!“ Oder: Warum der Fortschritt uns nicht retten wird

Wir lassen uns immer noch überraschen, dass rechte oder religiöse Kreise Dinge vertreten die wir als vorgestrig erachten. Am deutlichsten wird diese Haltung, die reaktionäres Denken immer schon als eigentlich auf verlorenem Posten versteht, weil aus der Zeit gefallen, in der Begründung, dass dies oder jenes selbstverständlich sei, weil es eben das Jahr 20XY sei. Kurzfristige Bekanntheit bekam etwa der kanadische Premierminister Justin Trudeau, als er die Frage, warum sei Kabinett geschlechtlich paritätisch besetzt war, lapidar beantwortete mit: „Because it’s 2015“.

Bei dieser Haltung, die von eine mit der Zeit automatisch verbürgten sozialen Fortschritt impliziert, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit, die wir „heute“ überwunden zu haben meinen. Denn dann fällt auf, dass auch damals entsprechendes schon aus der Zeit gefallen schien – und eben doch zum Signum eben jener Zeit werden konnte.

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Die rekursive Differenzierung von Theorie, Quantitativer und Qualitativer Sozialforschung

In einem kürzlich in der Zeitschrift SOZIOLOGIE erschienenen Beitrag im Rahmen einer Artikel-Serie zu Erneuerung der soziologischen Methodenausbildung, sprechen sich gegen die Arbeitsteilung zwischen Theorielehrstühlen und Lehrstühlen für Quantitative Methoden und für Qualitative Methoden aus. Sie argumentieren, dass empierischer Erhebungsverfahren und deren Daten immer schon theoretisch geprägt sind und dass auch die quantitative Sozialforschung die spezifischen Eigenschaften und Kontexte ihrer Gegenstände berücksichtigen muss, weshalb sie nicht jenseits qualitativer Forschung zu denken ist (von Carnap/von Carnap/Behrens 2024). Dies ist einerseits richtig, verkennt andererseits aber die Legitimität einer rekursiven Differenzierung.

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Vernünftigkeit statt Vernunft – Zum Bündnis Sahra Wagenknecht und seiner Anpassung an die Unvernunft der Realität

Das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ reklamiert den Begriff der Vernunft sehr prominent für sich. Nicht nur fordert es in seinem Gründungsprogramm und dem Programm zur Europawahl 2024 „Wirtschaftliche Vernunft“, es hat „Vernunft und Gerechtigkeit“ gleich in den Parteinamen aufgenommen.

Nun lässt sich von einem substanziellen Verständnis von Vernunft allerdings in den Äußerungen der Partei wenig finden. Stattdessen adelt sie einen kleingeistigen Appell an die ‚Vernünftigkeit‘ zur Vernunft selbst. Vernünftigkeit kann man in Anlehnung an die Alltagsmahnung „Nun sei doch vernünftig!“ als die Anpassung an einen gesetzten Erwartungshorizont verstehen – man soll nicht aus dem Dekorum ausbrechen und der Realität im Rahmen sozialer Normen angemessen begegnen.

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Adorno, serviert am Häppchenbuffet

Jüngst hat der Suhrkamp Verlag eine Rede Theodor W. Adornos zum Antisemitismus und seiner Bekämpfung aus dem Jahr 1962 als Büchlein herausgegeben. Ähnlich war schon 2019 ein Vortrag zu „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ als Einzeltext herausgegeben worden. Es liegt nahe, dass diese kleinen Auskoppelungen von ohnehin verfügbaren Texten zu aktuellen Anlässen eine allgemeinere Publikationsstrategie sind und weitere Texte in ähnlicher Weise folgen werden. Und diese Publikationsstrategie scheint durchaus erfolgreich zu sein, weil sowohl 2019 als auch aktuell den Texten eine Aufmerksamkeit in den Feuilletons zukommt, die sonst unwahrscheinlich wäre.

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Über Imagination und Realität unvertrauter Städte

Während der Planung einer Reise in eine Stadt, in der ich vor über zehn Jahren für ein Jahr gelebt habe, erinnere ich mich an eine Erinnerung: Eine Gasse, die, abgehend von einer großen Straße unweit der Universität, hoch führt auf einen Berg. Die kopfsteingepflasterte Gasse, lang und schräg gestuft, wird von gemütlichen Pubs gesäumt, in denen es besonders gutes Essen und gutes Bier gibt. An ihrem Ende führt ein Pfad am Hang entlang und öffnet schließlich den Blick auf ein wunderschönes Tal, mit weißen Felsen. Ein geheimer Ort. – Ein Ort, den es nie gegeben hat.

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Guter Westen, schlechter Westen – Zur Kritik einer Einheitsfiktion

Der „Westen“ hat mal wieder Konjunktur. Mal ist er Identifikationspunkt, mal Synonym allen Bösens. Während die einen den Westen vor allem als Sammlung von (vor allem moderner und universeller) Werten sehen, wird dem Westen, nicht zuletzt jüngst von russländischer Seite vorgeworfen, diese Werte nur heuchlerisch zur Verkleidung eines partikularistischen Herrschaftsanspruchs zu  benutzen. 

In einem kürzlich erschienen Artikel meint nun Moritz Rudolph, dass in gewisser Weise beides stimmt – zu seiner Zeit.

„Der Westen mag ein Schuft gewesen sein, aber seine Herausforderer sind es noch immer.“ (Rudolph 2023: 90)
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