Der Hass-O-Mat – kann man Hass mit Hass bekämpfen?

Wieder mal eine Hassnachricht bekommen? Nun: Ein Knopfdruck und der Hass-O-Mat liefert unmittelbar deine individuelle Hassantwort.

Hass mit Hass bekämpfen ist natürlich eine blöde Idee. Aber doch ist an dem Gedanken eines automatisierten Hate-Speech-Generators etwas dran, gerade weil er nicht einfach als ungebrochene Fortsetzung sprachlicher Hassbekundungen funktioniert – so wenig wie eine algorithmisch erzeugte Liebesbekundung wohl der Liebe zuträglich sein wird.

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Kritische Theorie und multimethodische Forschung – Ad-hoc-Gruppe auf dem DGS-Kongress 2022

DGS-Kongress Bielefeld 2022

Mittwoch, 28.09.2022:  9:00–11:45 | Raum: X-E1-202

Chairs: David Adler (Oldenburg), David Waldecker (Siegen), Felix Knappertsbusch (Hamburg)

(Flyer als PDF heruterladen.)

Der Kritischen Theorie wird heute kaum Potential für die empirische Sozialforschung zugeschrieben. Häufig gilt sie entweder als empirieferne Sozialphilosophie, oder sie wird als inzwischen überholte antipositivistische Stichwortgeberin qualitativer Forschungsmethoden gesehen. 

Beide Verortungen der Kritischen Theorie sind einseitig und verkennen den Beitrag, den sie noch heute zur Sozialforschung leisten kann. Die multimethodischen Forschungsansätze der frühen Kritischen Theorie (etwa die Studien zur Authoritarian Personality oder zum Betriebsklima) geben einen ersten Hinweis, dass beide Verortungen zu kurz greifen. Wenngleich das am „Institut für Sozialforschung“ ursprünglich angestrebte Forschungsprogramm eines „interdisziplinären Materialismus“ nicht vollständig realisiert wurde, setzten die multimethodisch angelegten empirischen Arbeiten im Umfeld des Instituts für ihre Zeit Maßstäbe – auch über die Grenzziehungen zwischen quantitativen und qualitativen Ansätzen hinaus.

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Arten seine Maske nicht zu tragen, ohne sie nicht zu tragen

Heute und gestern in der U-Bahn in Wien, wo weiterhin Maskenpflicht herrscht, habe ich wieder einen Menschen gesehen, die ihre Masken zwar irgendwo in der Nähe ihres Gesichts hatten, aber sie dennoch nicht richtig getragen haben. Dieses verleugbare Maske-(Nicht)-Tragen finde ich besonders nervig, weil ja noch ein Bewusstsein mitkommuniziert wird, dass man die Regel, an die man sich nicht hält, durchaus kennt.

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Klassenkampfcamouflage im Kulturkampf – Kurze Anmerkung zum Aufruf „Für eine populäre LINKE“

Das desaströse Wahlergebnis der LINKEN in NRW hat wie zu erwarten vor allem einen Effekt: die zerstrittenen Fraktionen innerhalb der Partei geben sich gegenseitig die Schuld und alle fühlen sich in dem, was sie immer schon vertreten haben, bestätigt. In dieser Linie ist auch der Aufruf für eine „populäre LINKE“ zu verstehen, mit der das Wagenknecht-Lager sich für den Erfurter Parteitag am letzten Juni-Wochenende in Stellung bringt. Überraschende Erkenntnisse wird man da nicht erwarten dürfen.

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Russifizierter Sozialismus?

Für mich ist immer wieder schwierig zu verstehen, dass die Linke zum Teil immer noch eine letztlich nationalistisch verkürzte Vorstellung des Erbes der Sowjetunion hat. Man möchte meinen, dass die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus auch die kritische Reflexion dessen Russifizierungsbemühungen kritisch durchgearbeitet hätte. Und auch der Postsozialismus böte einer internationalistischen Linken eigentlich wenig Anhaltspunkte für Sympathien gegenüber nationalistisch-imperialen Geschichtsdeutungen. Aber wenn Russland angesichts einer unrühmlichen Tradition antikommunistischer und antislawischer Ressentiments verteidigt wird, ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass diese Ressentiments sich eben auch gegen Ukrainer*innen richteten, oder wenn der Roten Armee zum Tag der Befreiung „trotz“ aktueller politischer Geschehnisse gedankt wird, wie soll man das anders verstehen, als das Russland eine besondere und privilegierte Verbindung zum historischen Sozialismus habe? Und was heißt das anderes, als dass die Linke einer nationalistischen (Re-)Interpretation dieses historischen Sozialismus auf den Leim geht?

CfP: Kritische Theorie und multimethodische Forschung

Ad-hoc-Gruppe auf dem 41. DGS-Kongress in Bielefeld, 26.–30. Sept. 2022 (PDF-Version)

Der Kritischen Theorie wird heute kaum Potential für die empirische Sozialforschung zugeschrieben. Häufig gilt sie entweder als empirieferne Sozialphilosophie, oder sie wird als inzwischen überholte antipositivistische Stichwortgeberin qualitativer Forschungsmethoden gesehen. 

Beide Verortungen der Kritischen Theorie sind einseitig und verkennen den Beitrag, den sie noch heute zur Sozialforschung leisten kann. Die multimethodischen Forschungsansätze der frühen Kritischen Theorie (etwa die Studien zur Authoritarian Personality oder zum Betriebsklima) geben einen ersten Hinweis, dass beide Verortungen zu kurz greifen. Wenngleich das am „Institut für Sozialforschung“ ursprünglich angestrebte Forschungsprogramm eines „interdisziplinären Materialismus“ nicht vollständig realisiert wurde, setzten die multimethodisch angelegten empirischen Arbeiten im Umfeld des Instituts für ihre Zeit Maßstäbe – auch über die Grenzziehungen  zwischen quantitativen und qualitativen Ansätze hinaus.

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Gut faul sein

Gut faul sein zu können ist zugleich Stachel im allgemeinen Produktivitätszwang – es verweist auf dessen ideologische Einseitigkeit, die selbst seinen eigenen Zweck untergräbt – und dessen subkutane Vollstreckung ins gesamte Leben – insofern es noch das andere der Arbeit, die Muße, darauf hin versteht, wie es ihr zunutze wird

Wider die falsche Automationskritik

Automation wird oft als drohendes Schicksal an die Wand gemalt. Dabei werden negative soziale Folgen der Automation dieser zumeist naturalisierend einverleibt. Das Problem ist aber nicht Automation. Das Problem ist eine Gesellschaft, in der Automation das Problem ist. In der diese mit ihren Potentialen abgelehnt wird – und mit gewisser Rationalität – weil sie sozioökonomisch so eingespannt ist, dass ihre Potentiale höchstwahrscheinlich ungenutzt bleiben und sie stattdessen zu einer weiteren Intensivierung von Herrschaft beiträgt. Reaktionär ist eine solche Kritik aber, wenn sie nicht auch den gesellschaftlichen Mechanismus angreift, der die scheinbar natürlichen Konsequenzen von Technik erst produziert. Das Automation Menschen „ersetzen“ kann, liegt ja nicht zuletzt daran, dass sie im organisierten Kapitalismus nicht unerheblich zu (mangelhaften) Automaten gemacht wurden.

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Zukunftsnostalgie

Nostalgie ist ursprünglich eine Rückübersetzung von „Heimweh“ ins Griechische, die von Johannes Hofer in seiner Dissertation von 1688 eingeführt wurde. Im 20. Jahrhundert wurde diese räumliche Sehnsucht typischerweise in eine Zeitliche Sehnsucht nach einer (verklärten) Vergangenheit umgedeutet (Becker & Stach 2021: 9).

Interessant ist es einen Rückbezug auf die „Heimat“ zu machen, sofern sie nicht die dumpf verklärte Herkunft bezeichnet, sondern selbst „utopisch“ gefasst wird (ein weiterer Begriff, der quasi spiegelbildlich von einer räumlichen zu einer temporalen Bestimmung übergeht, hier aber eben vom „anderen“, nicht „eigenen“ Ort auf ein Noch-Nicht, auf Zukunft). Ernst Bloch hat sich (je nach Geschmack dialektisch oder paradoxal) um einen utopischen Heimatbegriff bemüht, wenn er diese als etwas beschreibt „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“ (Bloch 1985 Bd. 2, S. 1628).

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