Ein Blick ins Schwarze Loch – Anmerkungen zu Anja Jonuleits Roman „Rabenfrauen“ über die „Colonia Dignidad“

In ihrem Roman „Rabenfrauen“ nähert sich Anja Jonuleit der Entstehung und dem Innenleben der „Colonia Dignidad“ an. Die „Colonia Dignidad“ war eine in den 1960ern in Chile gegründete Siedlung rund um den evangelikalen Sektenführer Paul Schäfer, der die Sektenmitglieder einer Gehirnwäsche unterzog, sie hat foltern und mit Medikamenten ruhigstellen lassen, der nicht zuletzt fortwährend minderjährige Jungen vergewaltigte und die Siedlung letztlich auch zur Folterstätte für die Militärdiktatur Pinochets ausgebaute. Eine häufig gestellte Frage, die auch der Roman Jonuleits aufgreift: Wie konnte es sein, dass Menschen sich freiwillig in die gefängnisähnliche totalitäre Struktur der Sekte begeben haben? Wie konnte es insbesondere auch sein, dass Ehepartner sich haben isolieren lassen und Eltern sich von Kindern trennen ließen?

„Ein Blick ins Schwarze Loch – Anmerkungen zu Anja Jonuleits Roman „Rabenfrauen“ über die „Colonia Dignidad““ weiterlesen

Schichtungen – über Gertrude Steins und Patrik Ouředníks Vermessungen des 20. Jahrhunderts

In seiner intermedialen Performance Everything that happened and would happen bezieht Heiner Goebbels sich neben Patrik Ouředníks Europeana auch auf Gertrude Steins Kriege die ich gesehen habe. Das ist zunächst überraschend, ist das Spätwerk Steins doch eine Art assoziativer Zeitzeugenbericht des Alltags während des Zweiten Weltkriegs im sog. Vichy-Regime, der zuerst 1945 erschienen ist. Diesem, zum Teil sehr persönlichen, Bericht aus der Mitte des 20. Jahrhunderts steht bei Ouředník eine Ich-lose und retrospektive Komposition von mannigfaltigen Perspektiven und Positionen entgegen. Während Steins Buch von Erfahrung lebt, von einer subjektiven Perspektive, die in ihrer assoziativen und ungefilterten Narration auch nicht von den eigenen Ressen­timents, Irrtümern und Egozen­trismen bereinigt ist, erschließt sich Ouředníks Buch eher ausgehend von einer spezifischen Form der Distanznahme – eine Reflexion und Metakritik der unzähligen intellektuellen Zugriffe auf das 20 Jahrhundert.

„Schichtungen – über Gertrude Steins und Patrik Ouředníks Vermessungen des 20. Jahrhunderts“ weiterlesen

Permutationen der Geschichte – Anmerkungen zu Patrik Ouředníks „Europeana“

Anlässlich der Leipziger Buchmesse, bei der 2019 Tschechien Gastland war, hat der Czernin Verlag in diesem Jahr das Buch Europeana wieder aufgelegt. In dieser, zuerst im Jahr 2001 auf tschechisch erschienen, „kurzen Geschichte Europas im zwanzigsten Jahrhundert“, wie es im vom Verlag gewählten Untertitel heißt, legte der in Tschechien geborene und seit den 1980er Jahren in Frankreich lebende Schriftsteller und Übersetzer Patrik Ouředník weniger eine Conclusio über das gerade numerisch abgeschlossene Jahrhundert vor, als vielmehr dessen Rohform offenzulegen und die Unabgeschlossenheit seiner zum Teil widerstreitenden Deutungen sichtbar zu machen. Vermutlich ist es nicht zuletzt diese Offenheit des Buches, die seine anhaltende Brisanz und Produktivität gerade auch in den letzten Jahren erklärt. So ist 2018 eine Theaterfassung des Textes als Gastspiel eines Prager Theaters in Hannover aufgeführt und in diesem Jahr hat Heiner Goebbels in seiner multimedialen Inszenierung Everything that happens and could happen im Rahmen der Ruhrtriennale maßgeblich auf Ouředníks Text zurück gegriffen.

„Permutationen der Geschichte – Anmerkungen zu Patrik Ouředníks „Europeana““ weiterlesen

Die Sehnsucht nach dem Selbst – Anmerkungen zu Ramón Sender Barayóns „Ein Tod in Zamora“

Im Gefolge der Postmoderne ist es heute üblich, auf die Fragmentiertheit und Brüchigkeit des Selbst hinzuweisen. Dies ist zunächst einmal deskriptiv durchaus angemessen. Die Kritik des geschlossenen und einheitlichen Subjekts hat durchaus eine Tradition – zu denken ist etwa an Nietzsche, Freud, aber auch Erikson. Heute scheint bei der Thematisierung der inneren Heterogenität und Unabgeschlossenheit des Subjekts neben einer deskriptiven Dimension aber auch eine normative Dimension eine Rolle zu spielen. Ein Subjekt kann gar nicht anders als konstitutiv plural und offen zu sein, diese Eigenschaften sind darüber hinaus aber auch wünschenswert. Sie stellen eine Befreiung von fixierten sozialen Zuschreibungen und deren Verinnerlichung dar.

„Die Sehnsucht nach dem Selbst – Anmerkungen zu Ramón Sender Barayóns „Ein Tod in Zamora““ weiterlesen

Die (Un-)Möglichkeit der Geschichte – Anmerkungen zu Heiner Goebbels’ „Everything that happens and would happen“

„Und 1989 entwickelte ein amerikanischer Politikwissenschaftler eine Theorie über das Ende der Weltgeschichte. … Doch viele Leute wussten nichts von dieser Theorie und schrieben weiterhin Geschichte, als sei nichts passiert.“ Mit diesem Zitat aus Patrik Ouředníks Roman „Europeana“ schließt Heiner Goebbels seine im Rahmen der Ruhrtriennale am 23. August 2019 uraufgeführte Inszenierung „Everything that happend and would happen“. Dieses Zitat kann aber zugleich auch als Ausgangspunkt der installativen Performance gelten, die sich – unter Rückgriff auf den Roman Ouředníks, Bildern des Euronews Programms „No Comment“ und Bühnenelementen der Aufführung von John Cages „Europeras 1 & 2“ bei der Ruhrtriennale 2012 – mit der (Un-)Möglichkeit einer Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt. Mit dem von Ouředník ausgewiesenenen „Nicht-Ende“ der Geschichte entzieht sich diese auch einer einheitlichen Geschichtsschreibung, die sich aus der rückblickenden Beschreibung von einem Ende aus und auf dieses hin darstellen ließe. Kurz: weil Geschichte weitergeht, gestritten und gekämpft wird, musste Perspektivierung des Gewesenen plural bleiben. Weil Geschichte nicht endet, bleibt sie offen und kommt ihre Beschreibung zu keinem Abschluss.

„Die (Un-)Möglichkeit der Geschichte – Anmerkungen zu Heiner Goebbels’ „Everything that happens and would happen““ weiterlesen