Arbeitsarchitektur zwischen Einheitsprojektion und gesellschaftlichem Konflikt

Die Vorstellung einer Architektur als Ausdruck von Gesellschaft steht vor dem Problem, dass Gesellschaft keine Einheit ist. Darin sind sich zumindest kritische Soziologische Theorien einig, ob Marx oder Bourdieu, die Konflikte und Kämpfe als wesentlichen Moment der gesellschaftlichen Konstitution sehen (mit Verweis auf Bourdieu Dieluweit 2019, 14). Weiter kommt man, wenn man den Blick umkehrt. Architektur projiziert Gesellschaft als einheitlich, indem sie Partikulares als universale Repräsentation des Gesellschaftlichen erscheinen lässt und als solches auf Gesellschaft zurückführt (eben auf die Verweist die Rede von der imaginären Konstitution, die Heike Delitz (2009) für die Architektursoziologie von Cornelius Castoriadis (1990) aufgreift).

Für die Arbeitsarchitektur ist das besonders eindrücklich. Der Konflikt von Kapital und Arbeit hat die soziologische, die politische, ja die gesellschaftliche Diskussion über Jahrzehnte geprägt. Das soziotechnologische Paradigma der post-disziplinären Architektur imaginiert Büroarchitektur allerdings als einen Raum der Harmonie, der Interessensgleichheit. Dies ist, wenn man so will, eine ideologische Dimension von Architektur, die sich nicht einfach in mentalen politischen Kartographien niederschlägt, sondern sich in den Alltag der arbeitenden Menschen einschreibt.

Dies ist nicht damit zu verwechseln, dass dieser Gehalt sich ungebrochen in Architektur verwirklichen würde. Sie ist eben in Gesellschaft als Vergesellschaftung, als Vollzug des Sozialen eingebunden – und entsprechend nistet sich Gesellschaft ebenso in Architektur ein wie sich Architektur in Gesellschaft einnistet. Entsprechend brechen auch in der imaginär überformten Architektur wieder Konflikte auf. Ob dies alltägliche Nutzungsweisen sind, an denen differente Interessen erneut deutlich werden, oder Kämpfe um die Ausdeutung und Umgestaltung von Räumen, wie ich sie ausgehend von meiner Performativitätsanalyse zeitgenössischer Büroräume aufzeige (Adler 2017; Adler 2018; Adler i.e.).

Literatur

Adler, David. 2017. Die Entstehung einer Lounge. Ästhetisierung als praktischer Vollzug. In: Ästhetisierung der Arbeit. Empirische Kulturanalysen des kognitiven Kapitalismus, hg. von Ove Sutter und Valeska Flor, 33–49. Münster: Waxmann.

—. 2018. Solid Futures. Office Architecture and the Labour Imaginary. In: How Organizations Manage the Future. Theoretical Perspectives and Empirical Insights, hg. von Hannes Krämer und Matthias Wenzel, 299–319. Cham: Palgrave Macmillan.

—. i.e. Beyond strategy and tactics: On the micropolitics of organisational aesthetics. In: Institutionality and the Making of Political Concerns, hg. von Jaspal Singh, Yannik Porsché, und Ronny Scholz.

Castoriadis, Cornelius. 1990. Gesellschaft als imaginäre Institution. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Delitz, Heike. 2009. Gebaute Gesellschaft. Architektur als Medium des Sozialen. Frankfurt a. M./New York: Campus.

Dieluweit, Dirk. 2019. Fachwerkromantik aus Stahlbeton. Zum Architekturverständnis der Neuen Rechten am Beispiel der Zeitschrift CATO. DISS-Journal 38: 11–15.

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