Zur Kritik der Expertokratiekritik

In der Kritik an Expertokratie wird eine Seite interessanterweise oft vergessen: die der Wissenschaft selbst. Erst, wenn man aber einen genaueren Blick auf deren Strukturen und Praktiken richtet, wird es möglich, der populistischen Vorstellung einer Fremdbestimmung durch das „Wissen“, das implizit als Ausdruck einer dem Volk entgegenstehenden heteronomen Elite gedeutet wird, nicht nur quasi wissensfreie Sphären von Werturteilen oder Antagonismen entgegenhalten – die vermeintlich reine Politik –, sondern eine Demokratisierung der Wissensproduktion. Diese kann sich auf unterschiedliche Ebenen erstrecken: die Demokratisierung wissenschaftlicher Institutionen, die Zurückdrängung kommerzieller Interessen, die Ausweitung der aktiven und passiven Teilhabe an Forschung …

Ausgehend von einer solchen Demokratisierung der Wissenschaft erweist sich die Alternative zwischen Wissenshörigkeit und demokratischer Selbstbestimmung als falsche Zuspitzung. Eine fatale Zuspitzung, wenn sie politische Akteure von einer Berücksichtigung von Realitätswissen exkulpiert. Aber eben auch eine Zuspitzung, die die kritische Reflexion der Entstehung von Wissen, der sozialen Strukturen und Prozeduren dessen Zirkulation, ihrer Artikulation mit Wertfragen, aber auch mit der Mehrheitsregel erschwert, die für das Wissen in politischen Auseinandersetzungen von großer Relevanz sind. Eine solche Reflexion ist aber, wenn Politik unter Anerkennung wissenschaftlicher Erkenntnis stattfinden soll und diese, wie mit der Corona-Pandemie und dem Klimawandel nur besonders deutlich wird, für eine zukunftsfähige demokratische Politik immer dringlicher.

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