Wer „wuppt“ hier eigentlich was? – Eine kleine Tweetanalyse

„Gewuppt“ wird in den letzten Wochen so einiges. Die Restriktionen und Veränderungen durch die „Coronakrise“ und die verdoppelte Belastung durch den Wegfall von Beschulung und Betreuung der Kinder stellen insbesondere Familien vor eine große Herausforderung. Dabei sind es häufig Frauen, an denen die Mehrbelastung hängen bleibt. Es wundert also nicht, dass man gerade in letzter Zeit davon hört und liest, was „Eltern“ oder „Mütter“ alles „wuppen“. Ist aber nicht nur der häufig mit diesem Wort beschriebene Sachverhalt ein Problem, sondern auch die Beschreibung durch das Wort selbst? Diesen Aspekt hat Christina Hölzel auf Twitter angesprochen. In einem Tweet von gestern fragt sie pointiert:

„Wuppen Männer eigentlich auch? Oder nennt man das da ‚Erfolg‘?

Die Frage ist also, ob mit dem „Wuppen“ nicht nur eine vergeschlechtlichte Ungleichverteilung beschrieben wird, sondern Arbeit selbst durch seine Verwendung geschlechtsspezifisch gerahmt wird – und das „Wuppen“ so letztlich zur ungleichen Verteilung von Arbeit beiträgt. Diese Wahrnehmung scheint mir sehr plausibel. Sozialwissenschaftlich sind es aber nicht selten ja die plausiblen Annahmen, bei denen es sich lohnt, noch einmal nachzuschauen, inwiefern sie zutreffen, sich als falsch erweisen oder – eigentlich das Interessanteste – qualifiziert werden müssen.

Da ich mich gerade in einem anderen Zusammenhang mit der Diskursanalyse von Social-Media-Daten beschäftige und unter anderem die Arbeit mit Tweets austeste, hat mich die Frage von Hölzel zu einer kleinen Mini-Diskursanalyse, bzw. einer „Tweetanalyse“ angeregt.

Grob gesagt zeigt sich dabei, dass sich eine stark weiblich markierten Verwendung von „wuppen“, insbesondere im Kontext der Haus- und Familienarbeit (und der sich aus deren einseitiger Verteilung ergebenen Mehrfachbelastung), mit einer anderen Verwendungsweise überschneidet. In dieser zweiten Verwendungsweise ist das „Wuppen“ eher die Bewältigung eines kollektiven Problems und das Subjekt ist häufig ein übergeschlechtliches Wir oder ganz in Passiv­konstruktionen verborgen. Thematischer Kontext für diese Verwendung sind insbesondere Herausforderungen ihm Rahmen von Lohnarbeit oder unternehmerischer Tätigkeit. Die appelative und kollektivierende Dimension des „Wuppens“ spielt aber auch in das Feld der Mehrfachbelastung von Familien- und Lohnarbeit hinein, wirkt dann aber gerade nicht so sehr als geschlechtliche Markierung der geleisteten Arbeit (wie es bei Hölzel anklingt), sondern eher als eine Abblendung der geschlechtsspezifischen Arbeitsverteilung zugunsten eine scheinbar undifferenziert angerufenen Problemlösungs- oder Heraus­forderungs­bewältigungs­gemeinschaft. Schließlich wird „wuppen“ im untersuchten Korpus auch im themaischen Kontext der Institution Schule verwendet. Hier ist der Gebrauch weder eindeutig geschlechtlich kodiert noch auffallend kollektivierend.

Die empirische Analyse, die ich im Folgenden genauer vorstelle, ist eher als kleiner Versuch zu verstehen, denn als umfassende und solide Untersuchung. Die Ergebnisse können dementsprechend auch nur einen sehr groben Eindruck vermitteln. Um belastbar zu sein, müsste die Analyse letztlich über einen längeren Zeitraum fortgeführt werden und eine umfassendere Sammlung von Tweets zugrunde legen. Damit kommen wir auch schon zum ersten Punkt: dem Korpus, das der Analyse zugrunde liegt.

Das Korpus

Twitter ermöglich es, über eine API Tweets der letzten sieben Tagen zu suchen und zu sammeln. Für die Durchführung Datensammlung habe ich auf das Programm und die Skripte von twarc zurückgegriffen. So wurde ein Korpus aus allen deutschsprachigen Tweets zusammengestellt, die vom 13. – 21. Mai eins der folgenden Wörter beinhalteten: wuppen, wuppt, wuppst, wuppte, wuppten, wupptest, gewuppt. Bereinigt um Retweets und Dubletten ergibt sich so ein Korpus von 174 Tweets.

Was wird „gewuppt“? – Erster thematischer Eindruck

Oben wurde ja angenommen, dass „wuppen“ häufig für Frauen verwendet wird, und sich dabei auf die Mehrfachbelastung von Familien- und Haushalts- und Lohnarbeit bezieht. Ich möchte mir daher zwei Dinge anschauen: Wer wuppt? Und: Was wird gewuppt? Das „Was“ bietet dabei in gewisser Weise einen thematischen Rahmen, in dem das Wort „wuppen“ jeweils spezifische gebraucht wird.

Als erstes habe ich eine Wortwolke mit dem wordcloud-Skript von twarc erstellt. Dabei habe ich schrittweise sogenannte stopp-words ausgeschlossen. Hierbei handelt es sich um grammatische Wörter wie „und“, „oder“ etc. und Wörter die kontextunspezifisch sind (etwa dadurch, dass sie eine spezifische Bedeutung jeweils erst im konkreten Kontext annehmen, wie Deiktika, „Ich“, „unsere“). (Das wordcloud-Skript mit den stopp-words ist hier verlinkt.)

Die Wortwolke zeigt die 60 häufigsten Wörter in den Tweets an. Die Größe des Wortes verweist dabei auf die Häufigkeit des Wortes im Korpus.

An der Wortwolke lassen sich zunächst Themenfelder ablesen, von denen die Rede ist, wenn etwas „gewuppt“ wird. Grob lassen sich hier drei Aspekte unterscheiden. Diese scheinen zunächst im Wesentlichen die Wahrnehmung zu bestätigen, die ich zum Anlass meiner Analyse genommen habe.

  • Zum einen finden sich hier Begriffe der Haus- und Erziehungsarbeit (Kinder, Haushalt, Familie). Auch werden mit Eltern und Mütter, familienbezogene Teilnehmerkategorisierungen aufgemacht.
  • Daneben gibt es eine Reihe an Begriffen, die mit Lohnarbeit verbunden sind (Home­office, Büro, Job, Arbeit, arbeiten).
  • Weitgehend allein steht schließlich noch der Begriff der „Schule“ da. Dieser stehet für einen Bildungskontext, dem eventuell noch „Homeschooling“ zugeschlagen werden kann, wobei dies zugleich auch dem ersten Punkt der Erziehungsarbeit zugerechnet werden könnte.

Die Wortwolke gibt nur einen sehr groben ersten Eindruck. Dabei können einige weitere Wörter, die sich nicht ohne weiteres thematisch ordnen lassen, einen interessanten Ausgangspunkt für eine Feinanalyse bilden. Etwa, dass gleichzeitigt (und sehr prominent) „alleine“ und „gemeinsam“ relevant sind, wenn gewuppt wird. Dass „alles“ gewuppt wird, und das „gleichzeitig“ mit und „neben“ etwas. …

Ausgehen vom groben Eindruck der Wortwolke habe ich mir einem zweiten Schritt die konkreten Tweets genauer angeschaut. Dabei hat mich insbesondere auch interessiert, wer denn nun „wuppt“, welchen Subjekten das „Wuppen“ also zugeschrieben wird.

Wer wuppt was? Geschlechts­(un)spezifische Kodierungen und Adressierungen

Für die genauere Analyse der Tweets habe ich auf das Wall-Skript von twarc zurückgegriffen, dass die Tweets als Kacheln im Webbrowser darstellt, und so eine leichtere Übersicht und ein einfacheres Durchsuchen der Texte erlaubt. Dabei bestätigt sich zunächst der erste genannte Kontext. Dieser wird auch – wie bereits vermutet – häufig direkt mit den zweiten Kontext der Lohnarbeit verbunden. So heißt es in einem Tweet:

„Hundertausende Mütter wuppen derzeit nicht nur Home-Schooling, Familienleben und das bisschen Haushalt, sondern versuchen gleichzeitig noch ihre Erwerbstätigkeit am Laufen zu halte“

Zentraler Gegesnstand ist hier die Mehrfachbelastung. Deutlich wird aber auch schon die klare geschlechtlich Kodierung. In der Wortwolke waren „Frauen“ und „Mütter“ ja bereits wichtige Begriffe. Allerdings kommen hier auch Männer vor und sehr prominent ein eher anonymes „man“. Zum Teil wird hervorgehoben, dass es auch Männer gibt Familie und Beruf „wuppen“ (oder hervorgehoben, dass sie es überwiegend eben nicht tun). Insofern diese Äußerungen sich zumeist auf den Diskurs der „wuppenden“ Mütter beziehen, sich gegen diesen abgrenzen, kann das in gewisser Weise aber noch als Ausnahme gesehen, werden, die die Regel bestätigt.

Die bisherigen Ergebnisse waren weitgehend eine Bestätigung der Vorannahmen, von denen ich ausgegangen bin. Es lohnt sich hier aber ein genauer Blick. Insbesondere muss berücksichtigt werden, dass die Wortwolke ja keinen unmittelbaren Aufschluss darüber gibt, wer als Subjekt des „Wuppens“ fungiert. Sie führen alle Wörter auf, die im Umfeld des Verbs „wuppen“ auftreten. Die spezifischere Frage nach dem Subjekt des „Wuppens“ habe ich nun, ausgehend von den einzelnen konkreten Tweets auf der Tweet Wall, aufgeschlüsselt. Dazu habe ich die Tweets einzeln gelesen und gefragt „wer wuppt?“. Bei deiktischen Formen, wie „du“, oder „ich“, habe ich jeweils versucht herauszufinden, ob die entsprechende Person als männlich oder weiblich zu lesen ist (etwa über Selbstbezeichnungen in anderen Tweets). Das Durchgehen der Tweets habe ich zudem dazu genutzt, die Thematischen Rahmen zu vertiefen und nach einem spezifischen Zusammenhang vom „Wer wuppt?“ und dem „Was wird gewuppt?“ zu fragen.

Dabei zeigt sich zunächst, dass „wuppen“ im Kontext von Lohnarbeit auch jenseits der Doppelbelastung mit Erziehungs- und Haushaltsarbeit vorkommt. Gewuppt werden auch Herausforderungen in Unternehmen, etwas besonders arbeitsintensive Meilensteine in gemeinsamen Projekten. Auf die Ausgangsfrage von Christine Hölzel zurückkommen, muss man hier tatsächlich feststellen: Ja, Männer „wuppen“ auch, z. B. Steuern als Selbstständige. Während hier also zum Teil auch explizit Männer direkt angesprochen werden, so ist die Verwendung von „wuppen“ in diesem Kontext doch insgesamt häufiger geschlechtsunspezifisch adressiert. Es wird etwa Verstärkung gesucht „um den Webrelaunch zu wuppen“. Auch Passiv­konstruktionen finden sich hier häufig, so das die Personen, die etwas wuppen im vagen bleiben. Insgesamt hat das „Wuppen“ hier aber auch einen deutlich appelativeren Charakter. Während im ersten Themenbereich insbesondere Frauen „alleine“ wuppen, sind es hier „wir“ die das „gemeinsam“ wuppen sollen. Es wird hier also ein „Wir“ angerufen, dass für die kollektive Bewältigung einer spezifischen unternehmensbezogenen Herausforderung motiviert und mobilisiert werden soll.

Während also auch Männer zuweilen wuppen, kann insgesamt festgestellt werden, dass es vornehmlich Frauen sind und daneben ein zunächst neutrales „wir“, dass sich letztlich über das kollektive Wuppen erst konstitutiert. Deutlich wird diese Aufteilung noch einmal, wenn man sich die häufigsten Subjekte des Wuppens aus der Feinanalyse der Tweets anschaut.

  • Wer wuppt? Häufigste Nennungen (–: unspezifisch, m: männlich, w: weiblich)
  • wir – (23)
  • ich w (19)
  • du w (13)
  • zu wuppen – (9)
  • Passivkonstruktionen etc. – (8)
  • sie w (7)
  • man – (6)
  • Mütter/Mutter w (6)
  • Frauen w (6)
  • ihr – (5)
  • es – (4)
  • du m (4)
  • Eltern – (4)
  • Männer/Mann (4)

Die Verwendung eines kollektivierenden und vermeintlich neutralen „wir“ heißt natürlich nicht, dass entsprechende Tätigkeiten tatsächlich einfach geschlechtsunabhängig ausgeführt würden. Und hieraus ergibt sich ein anderer möglicher Kritikpunkt bei der Verwendung von „wuppen“. Dass wuppen sehr häufig zur Beschreibung der Tätigkeit von Frauen verwendet wird, trifft zweifelsfrei zu. Interessanterweise zeigt sich dies am deutlichsten in der Selbstbeschreibung – das „Ich“, das wuppt, ist überwiegend weiblich –, aber auch in der direkten Ansprache: das „Du“, dem etwa Bewunderung zugesprochen wird, ist ebenfalls häufig weiblich. Zugleich aber ist das Wuppen nicht nur deskriptiv, sondern ein Appell, der, wenn er im ersten Themenfeld auftaucht, die spezifische Ver­geschlechtlichung der Tätigkeiten, auf die verweisen wird, eher kollektivierend und pseudo-neutral überzieht.

Zuletzt zeigt sich in den Tweet noch deutlicher das dritte thematische Feld, dass in der Wortwolke nur kurz mit dem Wort „Schule“ aufscheint. Vermutlich spielt hier der konkrete Zeitkontext stark herein. Vor dem Hintergrund der partiellen „Öffnung von Schulen“, die den normalen Unterricht aufgrund der Absteckungsgefahr durch Covid-19 für Wochen einstellen mussten, entstehen individuelle und kollektive Herausforderungen wie die Umsetzung von Hygienemaßnahmen mit Kindern und die Organisation von Lehre mit nur selektiver Präsenz.

Bemerkenswerterweise ergibt sich aus dem untersuchten Korpus in diesem thematischen Kontext weder eine eindeutige Vergeschlechtlichung von „wuppen“, noch wird vornehmlich appelativ ein vermeintlich neutrales Wir adressiert. Vielmehr gibt es hier einen bunten Mix. So wird in der Frage wie „wir als Schule“ das wuppen, nicht nur inbegriffen, wie „LuL“, also Lehrer und Lehrerinnen mit der schwierigen Situation umgehen, wie etwa „die Kollegen das mit den Viertklässlern wuppen“. Auch die Schüler*innen sind gefordert. So heißt es in einem Tweet:

„Als Letztes kommen heute meine Erstklässler in die Schule. Ich bin zuversichtlich, dass sich die es wuppen werden und freue mich auf sie, aber ich werde auch drei Kreuze machen, wenn der Tag rum ist.“

Letztlich ist unklar, ob „wuppen“ ein im schulischen Kontext recht gebräuchliche Wort ist, oder ob die Häufung hier dem poltischen Ereignis geschuldet ist. An diesem Punkt wird darum auch noch einmal deutlich, dass die hier vorgestellte kleine Analyse durch ihren zeitlichen Fokus auf eine Woche – und letztlich auch durch ihrer Überschaubare Anzahl an Tweets – eher als ein anregender Anstoß zu verstehen ist und weniger als ohne weiteres verallgemeinerbares Wissen.

Fazit

Ausgangspunkt für meine kleine „Tweetanalyse“ war die Frage, ob sich im Gebrauch des Verbs „wuppen“ eine spezifische geschlechtliche Kodierung feststellen lässt, die etwa als Effekt haben kann, Leistungen und Erfolge von Frauen spezifisch so zu Rahmen, dass sie zwar gelobt, aber nicht für voll genommen werden. Zugespitzt war die Frage, ob auch Männer „wuppen“.

Insbesondere im Kontext von Haus- und Familienarbeit hat sich zunächst bestätigt, dass „wuppen“ vornehmlich für weibliche Akteurinnen verwendet wird. Aber auch in der Selbstbeschreibung und der direkten Anrede – bei denen sich das Geschlecht zumeist nicht unmittelbar ablesen lässt – ist auffällig, dass es zumeist Frauen sind, denen zugeschrieben wird, etwas zu wuppen. Die geschlechtliche Kodierung darum letztlich deutlicher, als sie sich in der Wortwolke unmittelbar ablesen lässt.

Daneben zeigt sich aber eine zweite Verendungsweise. Diese nicht explizit weiblich geprägt. Sie verbirgt das Subjekt des Wuppens häufiger in undurchsichtigen Passiv­konstruktionen, schreibt es einem anonymen „man“ zu. Insbesondere ruft sie aber ein gemeinschaftliches Wir auf, eine kollektive Herausforderung zu meistern. Diese Verwendung findet sich deutlich häufiger im Bereich von Lohnarbeit, verbunden mit gemeinsamen informellen Projekten oder neuen Situationen. Die aktivierende Anrufung des Wir spielt zum Teil aber auch wieder in den Kontext der Haus- und Erziehungsarbeit hinein und gewinnt hier eine eigene Dynamik, indem die sehr unterschiedlich geleistete Arbeit letztlich einer kollektiven Leistung „vergemeinschaftet“, und ihre Vergeschlechtlichug tendenziell unsichtbar gemacht wird.

Schließlich wird „wuppen“ im untersuchten Korpus auch im thematischen Feld der Bildungsinstitutionen verwendet. Dabei spielt hier sicherlich die (eingeschränkte) „Öffnung“ von Schulen für den Präsenzunterreicht eine Rolle.

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