Architektur als Exzess

Unternehmensarchitektur wird heute wie selbstverständlich vor allem unter einem Paradigma der Rationalität und Effizienz betrachtet. Alles wird hier zweckrational ausgerichtet, vom Standort zur Innenausstattung. Gerade im »Dispositiv der Kreativität« (Reckwitz) werden dabei auch den ästhetischen Qualitäten der Arbeitsräume produktive Effekte zugeschrieben. So scheint es klar, dass die grellen Farben bei Google ein subtiler Mechanismus der Steigerung von Produktivität der Mitarbeiter sein müssen. Dazu passend konstatiert die »Farbergonomie« auf Grundlage der »Farb-Erregungs-Hypthese«, dass grelle Farben stimulierend wirken – und so etwa Innovation und Kreativität unterstützt. Dementsprechend ersetzen »opulent-prunkvolle Dessins« den ästhetischen Minimalismus der Moderne (Schlegl 2005: 225 ff.).

Erweiterung des Google Headquaters 2.0. Zürich, Architekt*innen: Züst Gübeli Gambetti, © google.

Irgendwo sitzt hinter all dem, selbst hinter Prunk und Opulenz, so scheint es, ein großer Kalkulator, der alle Gebäudemerkmale auf ihre maximale Effizienz prüft und jegliche unnötige Kosten austilgt. Und der Diskurs zeitgenössischer Bürogestaltung spart an Quantifizierungen des Nutzens nicht – Reduktion von Durchlaufzeiten um 40 %, von Prozesskosten um 20 % bei gleichzeitiger Verringerung der Arbeitsplatzkosten um 30 % (Muschiol 2005: 207). Dies muss sich vor dem Klassiker der rationalen Betriebsführung, Frederick W. Taylor, kaum verstecken, der versprach: »The general adoption of scientific management would readily in the future double the productivity of the average man engaged in industrial work« (Taylor 1919: 142).

Bei all dem darf aber ein gegenteiliges essentielles Moment der Architektur nicht vergessen werden: das der Verschwendung. Historisch betrachtet ist es das primäre. Während in anthropologischen Architekturtheorien zumeist auf die basalen Funktionen von gebauten Raums für den Menschen verwiesen wird (Schutz vor Kälte, Regen, der Wildnis), war doch historisch die »Architektur«, als expliziter und geplanter Gestaltung durch hochkulturelle Expert*innen, gerade nicht vordringlich an schlichter Funktionalität interessiert. Diese wäre leichter zu haben gewesen. Die Erfüllung grundlegender Bedürfnisse war sicher entscheidend für die große Menge an mehr oder weniger spontan von Laienarchitekten zusammengeschusterten Behausungen. Architekten hingegen waren zuständig für die Herstellung von prunkvollen Gebäuden. Und dieser Prunk ist nach Maßstäben eines rationalen Mittels für ein Zweck (auch der Steigerung von Autorität) nicht hinreichend zu verstehen. Prunk ist Exzess.

Marmorhof, Schloss Versaille, CC-BY-SA-3.0: Mariejo71

Der Exzess der Architektur bringt letztlich das unbeschränkte Vermögen (nicht nur finanziell) der Erbauer zum Ausdruck. Mit Bourdieu könnte man in ihm die Zuspitzung der Negation eines Stils der Notwendigkeit sehen.

Hildegard Kretschmer (2013: 17 f.) verweist darauf, dass sich erst ab Mitte des 19 Jahrhunderts ökonomische Perspektiven im engeren Sinne in der Architekturtheorie finden. Während Nutzbauten vorher von Ingenieuren entworfen wurden, die den für die Kunst zuständigen Architekten gegenüber eine untergeordnete Rolle hatten, kommt es nun zu einer Neuordnung. Gerade die Moderne simuliert und universalisiert ökonomische Rationalität; ob dies den wissenschaftlichen Grundriss betrifft, die Übernahme industrieller Fertigungstechniken in der Konstruktion, oder der inszenierte Minimalismus in Komposition und Material (Kuchenbuch 2010: 78 ff., Huse 2008: 40 ff.).

Le Corbusier-Haus der Weißenhofsiedlung, Stuttgart, CC BY-SA 4.0; Jaimrsilva

Dabei ist die Vermeidung von Verschwendung, wie sie mit der traditionellen Architektur und insbesondere dem Historismus verbunden wurde, ein durchaus explizites Anliegen der Moderne. So spricht Le Corbusier in Vers une architecture etwa vom »Gesetz der Sparsamkeit« des Ingenieurs, an dem sich Architektur neu auszurichten habe (Le Corbusier 1920).

Spuren der Begründung der Architektur im Exzess finden sich aber auch noch in der Moderne. Gerade Firmenzentralen bringen häufiger einen gewissen Prunkt zum Ausdruck. Gesagt wird damit letztlich: »Weil wir es uns leisten können!« Entgegen der gängigen Fokussierung auf Knappheit, die die Selbstbeschreibung modernen Wirtschaftens kennzeichnet (vgl. Abbott 2014), werden die »Nicht-Effizienz« und »Nicht-Rationalität« so zur Symbolisierung eines Überflusses, der Zeuge der Omnipotenz des Unternehmens zu sein scheint.

Marmorverkleidete Fassade des Loos-Hauses in Wien, Architekt: Adolf Loos, CC BY-SA 4.0: Hubertl

Die architektonische Moderne hat darüber hinaus, bei genauerer Betrachtung, der Realwirtschaft nie ein barockes Moment austreiben können. Zwar ließ sich dieser Überschuss auch innerhalb der »Luxusmoderne« darstellen, als prunkvoll stilisierter Minimalismus – schon Adolf Loos’ Ornamentfeindlichkeit scheute ja nicht von edlem Marmor zurück und auch Mies von der Rohes Barcelona-Pavillon inszeniert nobles Material –; so wie aber die amerikanische Konsumkultur sich nie völlig hat modernistisch »rationalisieren« lassen (vgl. Gartman 2009), so hat auch das Unternehmertum sich nie ganz auf die Reduktion der Technokraten eingelassen und sich immer auch in verschwenderischer Opulenz dargestellt. Ein fast zur Parodie überhöhtes Beispiel dafür findet man in der Selbstinszenierung Donald Trumps, die jedem Vertreter der Moderne wohl als Affront erscheinen müsste.

My home is my castle. Donald Trump mit Abe Shinzo in seiner Privatwohnung im Trump Tower (Official White House Photo by Shealah Craighead)

Toby Shorin (2017) macht hier eine weiterreichende Tendenz hin zu einem »Haute Baroque Capitalism« aus, der letztlich den obflächlichen Prunk, der der Moderne so verhasst war, zum Prinzip erhebt. Dabei geht der Exzess immer neue Amalgamierungen ein. Er ist nicht nur als vormodernes Relikt zu verstehen, sondern lebt inmitten einer Wirtschaftsordnung, die sich als wesentlich durchrationalisiert (miss-)versteht. Das Reüssieren im Kapitalismus wird dabei, wenn man so will, auch heute gerade dadurch nachgewiesen, dass man sich nicht mehr an dessen Grundlogik maximierten Profits bei minimalem Kostenaufwand halten muss.

Literatur

Abbott, Andrew 2014: The Problem of Excess, Sociological Theory, 32, 1, S. 1–26.

Gartman, David 2009: From Autos to Architecture. Fordism and Architectural Aesthetics in the 20th century, New Yor: Princeton Architectural Press.

Huse, Norbert 2008: Geschichte der Architektur im 20. Jahrhunderts, München: C.H. Beck.

Kretschmer, Hildegard 2013: Die Architektur der Moderne. Eine Einführung, Stuttgart: Reclam.

Kuchenbuch, David 2010: Geordnete Gemeinschaft. Architekten als Sozialingenieure – Deutschland und Schweden im 20. Jahrhundert, Bielefeld: transcript.

Le Corbusier 1964 [1920]: Ausblick auf eine Architektur – Leitsätze, in: Conrads, Ulrich (Hg.): Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunders, Berlin/Frankfurt a. M./Wien: Ullstein, S. 56–59.

Muschiol, Roman 2005: Begegnungsqualität, in: Eisele, Johann/Staniek, Bettina (Hg.): BürobauAtlas. Planung, Technologie, Arbeitsplatzqualität, München: Callwey, S. 200–2007.

Schlegl, Markus 2005: Farbe und Wirkung, in: Eisele, Johann/Staniek, Bettina (Hg.): BürobauAtlas. Planung, Technologie, Arbeitsplatzqualität, München: Callwey, S. 218–227.

Shorin, Toby 2017: Haute Baroque Capitalism, Subpixel Space, https://subpixel.space/entries/haute-baroque-capitalism/.

Taylor, Frederick Winslow 1919: The Principles of Scientific Management, New York/London: Harper & Brothers.

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