Proust’sche Diplomatie

Proust verwendet die Listen und Winkelzüge der Staatenbeziehungen, insbesondere die Gewaltandrohungen, der Abschreckungsstrategien mit ihren zweifelhaften Ausgängen, als Allegorie für die von ihm minutiös beschriebenen Scharaden der Liebe und des sexuellen Besitzstrebens. Diese Allegorie ließe sich aber auch anders herum lesen: Die endlosen egoistischen Schachzüge und psychologischen Spielchen, die sich durch die sieben Bände der Suche nach der verlorenen Zeit ziehen, erleuchten in ihrer Befremdlichkeit und ihrer absurden Exzessivität das kleinliche und naiv-listige Herumstrategieren im Zwischenstaatlichen; seit Trump nicht nur propagandistisch begleitet, sonder primär in der Pseudoöffentlichkeit Twitters ausgetragen. Vom Wutausbruch im Sandkasten über das instrumentelle Taktieren in den zwischenmenschlichen Beziehungen zum Krieg ist dann ein beängstigend kurzer Weg. Den (un-)diplomatischen Akten wird durch die Unterstellungen von verborgenen wohlüberlegten Strategien und Verschwörungen vielleicht unberechtigt Reflektiertheit zugeschrieben. Einher geht damit eine Selbstüberschätzung der Akteure, deren Doxa die Lächerlichkeit des Ränkespiels notwendig verkennen muss.

Auf den Erfolg solcher Strategien im Großen kann man wohl wenig geben, bedenkt man, dass sie schon im Kleinen nicht funktionieren. Gerade die List Marcels um Albertine an ihn zu binden, treibt diese bei Proust endgültig von ihm fort.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.