Wissenschaft jenseits von Eindeutigkeits- und Uneindeutigkeitserwartungen

Vorletztes Jahr habe ich in einem Blog-Post auf die Eindeutigkeits- und Uneindeutigkeitserwartungen hingewiesen, denen sich Wissenschaft von Seiten politischer Akteur*innen ausgesetzt sieht. So soll Wissenschaft zum Teil die Legitimation für bereits gefasste politischen Entscheidungen liefern und also möglichst genau bestätigen, was man eh schon denkt. Dagegen verwehrt sich Wissenschaft häufig mit Verweis auf ihre Prozessualität, die vermeintlich Selbstverständliches stets neu hinterfragt, die auf einem fortwährenden Diskurs anstelle von definitiven Positionen beruht. Aber, im Kontext der Klimapolitik muss sich Wissenschaft nicht nur mit überzogenen und instrumentellen Eindeutigkeitsansprüchen auseinandersetzen, sondern auch mit Uneindeutigkeitsansprüchen: dann nämlich, wenn Verbindlichkeiten wissenschaftlichen Wissens völlig zerredet werden soll. Wenn es keine hundertprozentige Einigkeit unter Wissenschaftler*innen gibt, dann ist das mit dem Klimawandel ja eh alles unsicher und man muss eigentlich gar nicht erst drauf reagieren, so scheint hier manchmal das Denken zu sein. Endsprechende Klimaskeptiker*innen erwarten dann ihrerseits, dass Wissenschaft für ihre Zwecke hinreichend uneindeutig ist – und wo das nicht der Fall ist, wird auch schon mal durch Übertreibung, Verzerrung, Erfindung nachgeholfen. Insgeamt konstatiert Peter Wiengart (2021: 30):

„Je unsicherer (unabgeschlossener) wissenschaftliches Wissen ist, desto leichter kann es von Politikern nach ihren jeweiligen Überzeugungen und Interessen strategisch interpretiert und argumentativ eingesetzt werden.“

Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist wohl immer noch Kristina Schröders lapidare Erwiederung auf den Hinweis, dass die Wissenschaftler*innen, auf die sie sich berief, mit der „Deutschenfeindlichkeit“, von der sie gesprochen hatte, nichts zu schaffen haben wollten: „So ist das in der Wissenschaft. Jeder zieht seine eigenen Schlussfolgerungen.“

Im Corona-Diskurs und im Umgang von Corona-Leugner*innen mit Wissenschaft lässt sich ganz ähnliches beobachten, wie ich es für die Verwendung von Wissenschaft durch Klimaleugner*innen beschrieben habe. Es wird eine Enttäuschung hinsichtlich dessen formuliert, dass Wissenschaft nicht eindeutig sei, ihre „Meinung“ ändere etc. Johannes Patenburg, Sven Reichardt und Benedikt Sepp (2021: 22 f.) haben dies jüngst ganz treffend formuliert:

„Von der wissenschaftlichen Erkenntnisproduktion, die sich mit einem noch unterforschten Virus aus verschiedenen disziplinären Perspektiven beschäftigen muss, fordern die Protestierenden unterschwellig die Produktion eindeutiger Ergebnisse. Da dies nicht der Fall ist, nutzen sie die in wissenschaftlichen Erkenntnisprozessen üblichen Unisicherheiten aus, um den gesamten von anerkannten Expert:innen getragenen wissenschaftlichen Erkenntnisprozess als ungültig zu erklären.“

Weil also die am Kern der Wissenschaft – und insbesondere der Forschung an einem neuen Gegenstand – vorbei gehende Eindeutigkeitserwartung enttäusch wird, kann man das mit der Wissenschaft gleich ganz sein lassen. Es ist naheliegend, dass bei einem solch schnellen Sprung vom Zweifel am wissenschaftlichen Wissen in die Sicherheit des eigenen „Bauchgefühls“ und der unbeirrbaren „Intuition“ (Pantenburg/Reichardt/Sepp 2021: 24 ff.), denen Wissenschaft dann nichts mehr anhaben kann, der Wunsch Vater des Gedankens ist. Bequem ist es jedenfalls, sich den Zumutungen eines extern sanktionierten verbindlichen Wissens entziehen zu können. Und gerade im Kontext von Corona verschafft das zumindest unmittelbar ja durchaus größere Handlungsfreiheiten – auch wenn dies natürlich nicht heißt, dass die Folgen des eigenen Handelns sich nach den eigenen Überzeugungen richten würden.

Letztlich muss man bei all dem festhalten: wenn die Alternative nur die zwischen absoluter Sicherheit des Wissens und absoluter Unsicherheit ist, dann braucht man mit Wissenschaft tatsächlich gar nicht erst anfangen. Im letzten Fall, ist sie vergebene Müh, da sie kein bisschen Verbindlichkeit generieren kann. Im ersten Fall würde sie wohl in Dogmatismus enden und damit ihren prozessualen Kern einfrieren. Gerade die nie aufzulösende Spannung von Verbindlichkeit und Reversibilität, die wissenschaftliches Wissen in seiner Genese, aber auch seiner Zirkulation, kennzeichnet, zu vermitteln und gesellschaftlich nutzbar zu machen, dürfte eine zentrale Aufgabe kommender Wissenschaftskommunikation sein.

Literatur

Pantenburg, Johannes/Reichardt, Sven/Sepp, Benedikt 2021: Corona-Proteste und das (Gegen-)Wissen sozialer Bewegungen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 70, 3–4, 22–27.

Weingart, Peter 2021: Wissenschaftliche Politikberatung in Krisenzeiten, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 70, 3–4, 28–32.

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