Die Wissenschaft der Klimaleugner – Über Eindeutigkeits- und Uneindeutig­keits­ansprüche an Wissenschaft

Beim aktuellen öffentlichen Streit um den Klimawandel kommt es zu einer interessanten Umkehrung im Verhältnis von Wissenschaft und Politik. Während die Wissenschaft zumeist die Eindeutigkeits­erwartungen von Politik und Öffentlichkeit nicht erfüllen kann und will, tritt hier zum Teil das Gegenteil ein. Die Wissenschaft kann die Uneindeutigkeitsansprüche von Teilen der Öffentlichkeit und Politik nicht erfüllen. In der Wissenschaft gebe es ja notwendig immer Uneinigkeit und Streit und nie Konsens, heißt es. Kaum eine Wissenschaftler*in will sich in diesem Fall allerdings dafür hergeben, hier eine Uneinigkeit zu simulieren.

Es mag durchaus stimmen, dass Wissenschaft sich eher durch Streit als durch Konsens auszeichnet. Im Bestreben Wissen zu generieren, fokussieren die Wissenschaftlerinnen das Nicht-Wissen – und stellen entsprechend das Umstrittene in den Vordergrund. Allerdings heißt das keinesfalls, dass es in der Wissenschaft nur Streit gibt. Man braucht hier nur auf die Bedeutung von Konsens in „scientific communities“ verweisen. Dieser ist nicht nur Ziel von wissenschaftlichen Auseinander­setzungen, sondern, in spezifischer – impliziter – Form, deren Grundlage, wie man spätestens seit Thomas Kuhns Beschreibung wissenschaftlicher Paradigmen weiß. Letztlich lässt sich aber auch ganz basal mit Wittgenstein argumentieren. Es bedarf keines besonderen Aufwands seine Argumente zu Zweifel und Gewissheit für diesen Fall zu adaptieren und festzustellen: Die systematische Auseinandersetzung, der Disput, muss letztlich eingebettet sein in eine relativ stabile und geteilte Menge von Unbestrittenem und als gesichertem Wissen. Um etwas Spefisches bezweifeln zu können, muss stets anderes vorausgesetzt werden, was ich währenddessen nicht auch bezweifeln kann. Oder kurz: Wissenschaft kann sich nicht über alles zugleich Streiten. Dabei ist Wittgensteins Argumentation hier besonders hilfreich, weil er seinerseits keine universelle dogmatische Gewissheit annehmen muss. Natürlich könnte man prinzipiell auch wissenschaftlich über die Existenz des Klimawandels streiten. Das ergibt aber offensichtlich beim aktuellen Wissensstand und den Problemen, die sich Wissenschaftlerinnen (und nicht nur diesen) stellen, überhaupt keinen Sinn, so sehr sich das manche politische Parteien auch wünschen würden.

Wissenschaft lässt sich also ebenso wenig pauschal als Zeuge universaler Gewissheit, wie als Garant einer universalen Bezweifelbarkeit anrufen. Während Wissenschaft das Unwissen fokussiert und Gewissheiten häufig eher abblendet, kommt bei ihr „unterm Strich“ keinesfalls nur Unwissen und Dissens heraus. Wenn dies so wäre, wenn also immer nur der Verweis auf die Unentscheidbarkeit übrigbliebe, dann könnte man wohl tatsächlich berechtigt den Sinn von Wissenschaft ganz allgemein in Frage stellen. Wissenschaft hätte jenseits ihres selbstbezüglichen Betriebes nichts zu sagen.

Sicher ist Wissenschaft oft von den Eindeutigkeits­ansprüchen überfordert, die von außen an sie herangetragen werden, insbesondere wenn politisch gesetzte Positionen letztlich nur noch bestätigt werden sollen. Nicht selten ist hier der Beitrag wissenschaftlicher Forschung wohl gerade die Veruneindeutigung, die Komplexitätssteigerung, um mit Luhmann zu sprechen. Daraus folgt aber keinesfalls ein „Anything goes“. Wird davor gewarnt, dass wissenschaftliche Positionen vereinnahmt werden können, wie es zuletzt etwa in Jürgen Kockas Warnung im Tagesspielgel durchklingt, so darf dabei nicht vergessen werden, dass auch wissenschaftlicher Dissens vereinnahmt werden kann. Bezeichnenderweise wird die Uneindeutigkeit von Wissenschaft ja gerade dann ins Spiel gebracht, wenn diese sich nicht einfach als Bestätigung vorgefertigter Auffassungen und Lösungsversprechen heranziehen lässt. Ein Beispiel: Als Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen explizit dem Versuch der damaligen Familienministerin Kristina Schröder widersprach, eine von ihm verantwortete Studie als Beleg für eine vermeintliche „Deutschen­feindlichkeit“ unter Jugendlichen zu zitieren, erwiderte diese lapidar: „So ist das in der Wissenschaft. Jeder zieht seine eigenen Schlussfolgerungen.“ Der relativierende Verweis auf einen (vermeintlichen) wissenschaftlichen Dissens, scheint dabei wenig mehr als eine verschleierte Form der Antiwissenschaftlich­keit, eine Möglichkeit Wissenschaft im Namen von Wissenschaft zu ignorieren. Stellt man dies in Rechnung, so wird deutlich, dass Wissenschaft, will sie als Wissenschaft relevant für politische Entscheidungen sein, sich weder Eindeutigkeits­ansprüchen noch Uneindeutig­keits­ansprüchen fügen darf.

Literatur

Denkler, Thorsten 2011: Wissenschaftler attackieren Schröder für islamophobe Untertöne, Süddeutsche Zeitung vom 30. November 2011.

Kocka, Jürgen 2019: Forscher werdet nicht zu Propagandisten! Der Tagesspiegel vom 2. Oktober 2019.

Kuhn, Thomas 1976: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Wittgenstein, Ludwig 1984: Über Gewißheit, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

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