Kritische Theorie und multimethodische Forschung – Ad-hoc-Gruppe auf dem DGS-Kongress 2022

DGS-Kongress Bielefeld 2022

Mittwoch, 28.09.2022:  9:00–11:45 | Raum: X-E1-202

Chairs: David Adler (Oldenburg), David Waldecker (Siegen), Felix Knappertsbusch (Hamburg)

(Flyer als PDF heruterladen.)

Der Kritischen Theorie wird heute kaum Potential für die empirische Sozialforschung zugeschrieben. Häufig gilt sie entweder als empirieferne Sozialphilosophie, oder sie wird als inzwischen überholte antipositivistische Stichwortgeberin qualitativer Forschungsmethoden gesehen. 

Beide Verortungen der Kritischen Theorie sind einseitig und verkennen den Beitrag, den sie noch heute zur Sozialforschung leisten kann. Die multimethodischen Forschungsansätze der frühen Kritischen Theorie (etwa die Studien zur Authoritarian Personality oder zum Betriebsklima) geben einen ersten Hinweis, dass beide Verortungen zu kurz greifen. Wenngleich das am „Institut für Sozialforschung“ ursprünglich angestrebte Forschungsprogramm eines „interdisziplinären Materialismus“ nicht vollständig realisiert wurde, setzten die multimethodisch angelegten empirischen Arbeiten im Umfeld des Instituts für ihre Zeit Maßstäbe – auch über die Grenzziehungen zwischen quantitativen und qualitativen Ansätzen hinaus.

Dabei strebte die Kritische Theorie an, die Kritik gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse und Ideologiephänomene mit einer Kritik innerwissenschaftlicher Fragmentierung zu verknüpfen. Die Überwindung des Theorie-Praxis-Problems der Arbeiterbewegung sollte zusammenfallen mit der Überwindung disziplinärer Spaltungen und „positivistischer“ Beschränkungen. Dafür spielte auch die multimethodische Forschung eine maßgebliche Rolle. 

Im „Positivismusstreit“ der 1960er Jahre rückte die Arbeit mit multiplen empirischen Materialien allerdings in den Hintergrund. An dessen Stelle trat eine polemisch überspitzte und in vielerlei Hinsicht ungenaue Gegenüberstellung von (kritischer) Theorie und (positivistischer) Empirie, die auch dafür mitverantwortlich ist, dass die Kritische Theorie heute kaum mit empirischer Sozialforschung assoziiert wird.

Seitdem hat sich, neben der Arbeitsteilung von sozialwissenschaftlicher Theoriebildung hier und empirischer Forschung dort, auch die Trennung zwischen qualitativen und quantitativen Forschungsansätzen vertieft. Diese Polarisierung schlägt sich auch in organisatorischen (Ab-)​Spaltungen der Soziologie nieder, wie zuletzt mit der Ausgründung der Akademie für Soziologie deutlich wurde. 

Neuere Formen der methodenübergreifenden Forschung versuchen, solche Spaltungen zu überwinden. Als Mixed Methods Research international etabliert, aber auch mit Konzepten der Triangulation oder der methodenpluralen Forschung verbunden, beziehen sich diese Alternativmodelle allerdings kaum auf die Vorarbeiten der Kritischen Theorie – selbst da, wo sie in kritisch-emanzipatorischer Absicht betrieben werden.

Vor diesem Hintergrund lohnt es, das Verhältnis von Kritischer Theorie und multimethodischer Forschung neu zu denken und die Möglichkeiten und Probleme methodenpluraler Forschung in gesellschaftskritischer Perspektive auszuloten. Dies darf nicht bei theoretischen Erwägungen stehen bleiben, sondern muss Relevanz für die konkrete Forschungspraxis gewinnen.

Vorträge:

Veränderungswille und Forschungspraxis

Robin Mohan, Institut für Sozialforschung, Frankfurt a. M, Deutschland

Der Beitrag geht von der Feststellung aus, dass weder Multimethodik noch Konstellation oder die zum Standard-Gütekriterium qualitativer Forschung erhobene Reflexivität an sich die differentia spezifica Kritischer Theorie gegenüber anderen Forschungsstilen markieren. Angesichts jüngerer methodologischer Entwürfe wie etwa der „intersektionalen Mehrebenenanalyse“ (Winkler/Degele) oder der „makroanalytischen Tiefenhermeneutik“ (Renn) scheint selbst die „Totalitätsempirie“ als Vermittlung von mikrologischer Analyse und Gesellschaftstheorie kein Alleinstellungsmerkmal Kritischer Theorie mehr zu sein.

Vor diesem Hintergrund nährt sich der Beitrag der Frage, welche spezifische Relevanz die Perspektive Kritischer Theorie für die konkrete Forschungspraxis mit sich bringt, auf einer meta-methodologischen Ebene: Es soll eingangs diskutiert werden, welchen Sinn methodologische Begründungsdiskurse und Methodendebatten im Rahmen der Kritischen Theorie Adornos haben können (1.). Seine methodenkritische Reflexion des Verhältnisses von Methode und Sache beinhaltet auch eine Kritik an rein wissenschaftsimmanenten Geltungs- und Gütekriterien sowie Begründungspraktiken. Erst im Zusammenhang mit der ‚außerwissenschaftlichen‘ Zweckbestimmung – und das impliziert auch: mit einer Reflexion des Praxisbezugs – kritischer Wissensproduktion erhalten Begriff und (Forschungs-)Praxis der „Konstellation“ und der „Totalitätempirie“ ihren für die Kritische Theorie spezifischen Sinn als „negative Spurensicherung“ (Bonß) und Empirie des (trotzdem) objektiv Möglichen. Dieser Zweck- und Praxisbezug ist wiederum nicht zu trennen vom forschenden Subjekt, dessen Haltung und Interesse, dessen praktischer Wille zur Veränderung Adorno zufolge erkenntniskonstitutiv ist (2.). In Auseinandersetzung mit problematischen Mehrdeutigkeiten in Adornos Begriff ‚der Sache‘ soll als weiteres Element dieser spezifischen konstellativen Forschungspraxis die Bedeutung von gesellschaftstheoretischen (im Unterschied zu sozialtheoretischen) Bestimmungen des Forschungsgegenstands herausgearbeitet werden (3.). Die forschungspraktischen Konsequenzen dieser Perspektive sollen anhand eines aktuell laufenden Projekts aus dem Bereich der Krankenhaus- und Care-Arbeitsforschung diskutiert werden, das sich in besonderer Weise der Gefahr ausgesetzt sieht, Management- und damit Herrschaftswissen zu generieren.

„Kultur“ und professionelles Wissen. Eine transnationale quasi-experimentelle Rekonstruktion in kritischer Perspektive

Anja Weiß, Universität Duisburg-Essen, Deutschland

Die kritische Theorie hat ein umfassendes Erkenntnisinteresse; sie versucht „in den Brechungen des Einzelfalls das Ganze aufzuspüren“ (Bonß 1983: 204). Kritisch wird Wissenschaft nicht durch die Selbstbindung an inhaltlich kritische Normen, sondern durch ein Bewusstsein dafür, dass sich Forschung gesellschaftlichen Widersprüchen nicht entziehen kann (Horkheimer 1937).

Der Vortrag stellt ein Forschungsprojekt vor, das theoretisch wie methodisch „quer“ zu den Traditionen liegt, auf denen es aufbaut. Theoretisch setzt das DFG-Projekt „Travelling Knowledge“ (GloPro) am Problem der Kulturalisierung in der Globalisierungs- und Migrationsforschung an: „Kritische“ Forschung findet die Schließung von professionellen Arbeitsmärkten gegenüber Migrant:innen unter Verweis auf „kulturelle Unterschiede“ wenig legitim. Jedoch fokussiert sie selbst die Spezifik von Kultur und Identität in der Migration. Dabei verwickelt sich diese Forschung in Kämpfe darüber, wer mit welchem Recht wem hohe Bildung zusprechen kann (reflexiv dazu: Sommer 2015).

Methodisch schlägt das Projekt eine Brücke zwischen gesellschaftsvergleichender, ethnographischer und standardisiert experimenteller Forschung. An Universitätskliniken in Ankara (Türkei), Groningen (Niederlanden), Peking (PRChina) und Würzburg (D) behandelten insgesamt 71 Ärzt:innen Schauspielpatient:innen, die die Krankheit Herzinsuffizienz simulierten. Wissensbasierte professionelle Praktiken wurden also nicht aus Erzählungen rekonstruiert, sondern videobeobachtet. Die mittlere Zahl an Fällen ermöglicht es, gesellschaftliche Kontexte wie Sprache, Gesundheitssystem, oder auch professionelle Spezialisierung durch multiple Vergleiche zu rekonstruieren. Damit soll die grenzüberschreitend umkämpfte Kulturalität von Wissen mit Distanz zur Zirkularität symbolischer Kämpfe erfasst werden.

Jedoch bildeten sich genau diese Kämpfe auch innerhalb des Projektes ab: Aus Sicht „kultursensibler“ Methoden erscheint das quasi-experimentelle Design als Standardisierungsprojekt entlang von Nord-Süd-Hierarchien. Forschende aus der Medizin finden das Projekt zu wenig standardisiert. Da das Projekt mit dem Ziel entwickelt wurde, aus der selbstbezüglichen Reflexivität symbolischer Kämpfe auszubrechen, lassen sich am Beispiel von GloPro Chancen und Grenzen selbst- und gesellschaftskritischer Forschung gut diskutieren.

Translation als instrumentelle Vernunft? Korpusbasierte Diskursanalyse zwischen Geist und Materie

Stefan Baumgarten, Universität Graz, Österreich

Seit Beginn des neuen Jahrtausends hat sich die Interdisziplin der Translationswissenschaft zunehmend soziologischen Fragestellungen gewidmet. Im Zuge des sogenannten sociological turn und aufbauend auf einem weitgehend sozialkonstruktivistischen Wirklichkeitsverständnis hat sich das Augenmerk in den letzten Jahren verstärkt auf die in der transkulturellen Interaktion involvierten Netzwerke, Gruppen und Akteure verlagert. Während sich hierdurch immer konkretere Anknüpfungspunkte zu den Kultur- und Sozialwissenschaften ergaben, und trotz einer grundlegenden Dekonstruktion des Übersetzens und Dolmetschens als angeblich derivative und somit zweitrangige Textproduktion, verbleibt die translationswissenschaftliche Forschung einem ideengeschichtlich-hermeneutischen Wissenschaftsverständnis verhaftet. Vor dem gegenwärtigen Hintergrund dramatischer ideologischer und kriegerischer Verwerfungen, globaler materieller Ungleichheit und des Klimawandels verfolgt mein Beitrag eine dreigliedrige wissenschaftstheoretische Fragestellung: Lässt sich die translationswissenschaftliche Vernachlässigung der kritischen Theorie (insb. der Frankfurter Prägung) ontologisch – oder zumindest ideologisch – begründen? Welche Verbindungslinien einer kritisch-emanzipativen Translationssoziologie erweisen sich in erkenntnistheoretischer Hinsicht als fruchtbare Anknüpfungspunkte zu den Sozialwissenschaften? Inwiefern ließe sich das Desiderat eines ‚interdisziplinären Materialismus‘ für eine methodenintegrative Sozialforschung empirisch untermauern? Anders ausgedrückt bezweckt dieser Beitrag – unter dem Motto einer Epistemologie der kürzeren Wege – die Problematisierung der erkenntnistheoretischen Differenz zwischen a) der Grundprämisse kritischer Forschung im Sinne der Anerkennung und Linderung gesellschaftlichen Leids sowie b) den empirisch greifbaren linguistischen Mustern bei der korpusbasierten Diskursanalyse. In empirisch-sprachlicher Hinsicht soll aufgezeigt werden, bis zu welchem Grade sich in domestizierten englischsprachigen Übersetzungen von Adornos Ästhetischer Theorie Spuren instrumenteller Rationalität nachweisen lassen. Schlussendlich betont dieser Beitrag die zentrale Relevanz transkultureller Prozesse und Interaktionen für die kritische empirische Sozialforschung.

Bilder über Obdachlose – triangulierende Beforschung von Projektionen und Ressentiments

Saskia Gränitz, Institut für Sozialforschung, Frankfurt a. M., Deutschland

Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kritischer Theorie und empirischer Sozialforschung ist keine rein theoretische. Sie stellt sich in der Forschungspraxis – insofern die von der frühen Frankfurter Schule entwickelte Gesellschafts- und Ideologiekritik dem Denken und Forschen zugrunde liegt. Ausgehend von qualitativen Forschungsbefunden erörtere ich den Zusammenhang zwischen Vorstellungen, die Menschen in prekären Wohnsituationen über ihre eigene Wohnungsnot entwickeln, und Phantasien, die sie über andere Menschen in Wohnungsnot entwickeln. Aus einer ideologiekritischen Perspektive interessieren die mannigfaltigen Stereotype, welche über Menschen in Obdachlosigkeit gezeichnet werden. Ein Teil davon – z.B. das Bild der Bettelmafia – schöpft aus dem historischen Arsenal einer Bilderproduktion über Armut und Vagabondage, welches bis ins Spätmittelalter zurückreicht. Im Wandel der Produktionsverhältnisse und Denkformen bedienten diese Bilder immer neue Logiken der Legitimierung von Klassen- und Machtverhältnissen – und sie integrierten im Zeitverlauf diverse (z.B. antiziganistische, sozialdarwinistische etc.) Feindbilder. Nicht allein die materielle, sondern damit verknüpft die symbolische Ordnung der Wohnungsnot im Kontext der gegenwärtigen Wohnungskrise soll im Beitrag skizziert werden. Hierfür spüre ich den Relikten sedimentierter (Ideologie-)Geschichte nach und frage ich nach der Attraktivität der Bilderwelt für (ihrerseits von Wohnungsnöten betroffene) Subjekte.

Anknüpfend an die Frankfurter Autoritarismusstudien und situiert an der Schnittstelle von historischem Materialismus und psychoanalytischer Sozialpsychologie spreche ich über die Triangulierung dreier Methoden an Interviewdaten (Grounded Theory Methodology, Habitushermeneutik, Tiefenhermeneutik). Die Methoden waren im Auswertungs- und Erkenntnisprozess verschränkt: die Triangulierung ermöglichte es, blinde Flecken nicht nur zu benennen, sondern reflexiv in den Forschungsprozess aufzunehmen. In Auswertungsschleifen wurden die zunächst habitushermeneutisch als ‚Relativierung und Verschleierung‘ eigener Wohnungsnot differenzierten Bewältigungspraktiken tiefenhermeneutisch hinsichtlich ihres latenten Sinns untersucht. Jener erschloss sich über den Bedeutungsgehalt der Bilder, die – als Projektionen verstanden – Aufschluss gaben über die Bedeutung dessen, was relativiert und verschleiert wurde.

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