Zwischen Angst und stochastischer Selbsttechnik – oder: Addendum zum Thomas-Theorem in der Corona-Pandemie

Lehnt man im Kontext der Corona-Pandemie bestimmte Handlungen ab, besteht man auf dem Tragen einer Maske in einer kleineren Gruppe etc., so wird dies schnell als Folge eines subjektiven und emotionalen Zustandes gedeutet – man ist verunsichert und ängstlich, reagiert deshalb über, so scheint es. Elizabeth Stokoe hat in diesem Zusammenhang in einer kleinen Reihe von Tweets vorgeschlagen, die „Ängstlichen“ als eine Art membership category zu fassen, mit der bestimmte Handlungen in einem Typ von Menschen zusammengefasst wird, der damit zugleich in gewisser Weise als irrational und nahezu pathologisch gilt (https://twitter.com/LizStokoe/status/1299122381345169409). Man kann sich sogar damit, zu den »Ängstlichen« zu gehören, für seine störende Insistenz auf Regeln ›entschuldigen‹, für seine Ängste kann man ja nichts …

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Die größere Angst

„Höchst fragwürdig der allgemein verbreitete Glaube, die Angst vor dem physischen Tode sei die tödlichste Angst des Menschen. Ungleich tödlicher ist seine angst vor dem gesellschaftlichen Tode, also davor, diskreditiert, geschnitten oder gar verlacht zu werden. Der Entschluß, allein oder gar im Widerspruch zur gesamten Umwelt weiterzuleben, erfordert viel mehr Selbstständigkeit und Kühnheit als die Bereitschaft, mit Anderen zusammen zu sterben. Selbst wenn es zum gewissen Tode führt, scheint das Mitmachen als eine Art von Lebensversicherung mißverstanden zu werden. Unter Huandert, die blind mit ins Feuer gehen, gibt es höchstens drei, die unerschrocken genug sind, aus einer sinnlosen oder unmoralischen Massenaktion zu desertieren.“

Günter Anders, Philosophische Stenogramme