Mythos und Geschichte

„Die mythische Geschichte als solche steht im Dienst dieses Kampfes der Struktur gegen das Ereignis. Mit ihrer Hilfe bemüht sich die Gesellschaft, die zerstörerische Wirkung der geschichtlichen Faktoren aufzuheben; durch sie wird das Geschichtliche ausgelöscht, das Ereignishafte getilgt.“

Paul Ricœur
Hermeneutik und Strukturalismus

Grundlos glücklich

Es ist eine der höchsten Tugenden, nicht immer Gründe für alles finden zu müssen. Die unbedingte Suche nach Gründen neigt entweder zu einem mechanistischem Rationalismus oder aber zur Esoterik. Vielleicht liegt hierin die Skepsis von gesellschaftstheoretischen Entwürfen (ob Systemtheorie oder Kritische Theorie) gegenüber den Vorstellungen von einfacher Kausalität begründet.

„Grundlos glücklich“ weiterlesen

Finanzdisziplin

Die Finanzmärkte funktionieren als Disziplinarapparate nicht zuletzt über ihren Mythos. Dies haben sie allen Apparaturen der Disziplinierung gemein – vom Panoptikon, dass gegenüber Foucaults Deutung nicht die Ablösung des Spektakels, sondern auf eine spektakuläre Inszenierung der Überwachung wesentlich angewiesen war (vgl. Kammerer 2008: 217-221) bis zur Globalisierung, als performative Beschreibung (vgl. Vobruba 2009, Adler 2011).

  „Finanzdisziplin“ weiterlesen

Religion als Orakel

Religion kann heute Sinn und Wert nur noch verstanden als ein Orakelspruch haben. Ihre Antwort antwortet nicht, sondern fragt.

Therapie und Suggestion

Star Trek V: The Final Frontier

Psychotherapie und Manipulation haben kein Kriterium, das sie ein für alle Mal scheiden würde. Dieses Problem wird die Psychotherapie auch nach dem Ende der Hypnose nicht los. Die gemeinsame Suche nach dem ‚eigentlichen‘ Ich, nach einer dahinterliegenden Wahrheit des Selbst, weiß nie, wann sie findet, und wann sie suggeriert. Dies mahnt, unseren Analysen unseres Selbst nicht allzusehr zu trauen.

Star Trek V: The Final Frontier

„Dies ist ein Gleichnis für jeden einzelnen von uns: er muß das Chaos in sich organisieren, dadurch, daß er sich auf seine echten Bedürfnisse zurückbesinnt.“ (Nietzsche)

Ironische Existenz

„Es darf zwar befremdend, aber nicht widerspruchsvoll erscheinen, wenn ich dem Zeitalter, das so hörbar und aufdringlich in das unbekümmertste Frohlocken über seine historische Bildung aufzubrechen pflegt, trotzdem eine Art von ironischem Selbstbewußtsein zuschreibe, eine darüberschwebendes Ahnen, daß hier nicht zu frohlocken sei, eine Furcht, daß es vielleicht bald mit aller Lustbarkeit der historischen Erkenntnis vorüber sein werde.“

So schreibt Nietzsche in seiner zweiten unzeitgemäßen Betrachtung (§ 8) und macht so die tiefe Modernität der ach so postmodernen Ironie sichtbar. Postmoderne Ironie braucht die moderne Verwechslung von kumulativem Wissen mit Bildung. Und wenn Nietzsche beklagt, dass die ‚historische Bildung‘, das Wissen darum, dass es einmal auf unendliche Weisen anders war, nicht in ein produktives Bewusstsein von Kontingenz – Machbarkeit – mündet, sondern in eine Gleichgültigkeit, so scheint damit das postmoderne Bewusstsein vorgreifend zielsicher getroffen:

„die Masse des Einströmenden ist so groß, das Befremdende, Barbarische und Gewaltsame dringt so übermächtig, ‚zu scheußlichen Klumpen geballt‘, auf die jugendliche Seele ein, daß sie sich nur mit einem vorsätzlichen Stumpfsinn zu retten weiß“ (§ 7).

Ironischerweise zeigt sich hier die Postmoderne als immer schon gewesenes Element des Historizismus, gegen den sie doch so heroisch-gleichgültig ankämpft. Sie ist Defätismus vorm Mannigfaltigen.

Die Demokratie der Formaldemokraten

Zu was für bewunderungswürdigen Gedankenpirouetten die allpräsenten Formaldemokraten doch fähig sind!
In unnachahmlicher Logik stellt Berlusconi am 2.5.2011 vor dem Gericht von Mailand, als Zeuge in einem Korruptionsprozess geladen, fest: „…però è certamente qualcosa che non va nella direzione giusta per una democrazia di avere il proprio responsabile di governo sottoposto all’umiliazione di passare delle ore in tribunale…“. Es ist also gegen die Demokratie, wenn die gewählten Regierungsvertreter gezwungen werden können, ihre kostbarste Zeit in einem Gerichtsgebäude zu verbringen.

Was heißt unnachahmlich? Aus Reihen der CDU ist das natürlich auch möglich! (Und wohl leider nicht nur aus ihren.) Die Liebe Frau Gerda Hasselfeldt bemerkte zu Christian Wulffs Kredit- und Presseaffäre: „Also ich finde, dass das Amt des Bundespräsidenten ein so wichtiges ist und es auch für uns gebietet, dass wir uns mit diesen Details in der Öffentlichkeit nicht auseinandersetzen sollten.

Perfektere Beispiele zur Unterfütterung der Kritik an der Demokratie als einer leeren Ideologie, einem bloßen institutionellen Sosein lassen sich schwer finden. Die hohen Ämter der Demokratie sind viel zu hoch, als dass man sie kontrollieren, kritisieren dürfte. Oder kurz: Die Demokratie ist viel zu wichtig, als dass man sie ernstnehmen dürfte!