Zur „Grenznutzlosigkeitstheorie“ von Forschungsanträgen

Im Folgenden möchte ich ein einfache These plausibilisieren: Je kompetitiver das Antragsformat, desto mehr Arbeitszeit wird für wissenschaftlich Nutzloses aufgebracht. Damit drohen Antrags- und Begutachtungsverfahren aber sich zunehmend von der wissenschaftliche Qualität zu entfernen, die eigentlich im Verfahren ausschlaggebend sein soll.

Ich möchte dabei auf ein wirtschaftswissenschaftliches Konzept zurückgreifen und es adaptieren. Die Grenznutzentheorie zählt zu den ökonomischen Klassikern. Dabei ist die Beobachtung, dass häufig der Wert einer zusätzlich Einheit von einem Gut X abnimmt, über je mehr ich bereits von ihm Verfüge. Ein Liter Wasser ist äußerst wertvoll, wenn ich kein Wasser habe. Besitze ich hingen z.B. einen großen See, wird ein einzelner Liter nahezu wertlos für mich. Entsprechend wird häufig von einer Annäherung des „Grenznutzens“ an 0 ausgegangen. Etwas zugespitzt könnte man daher von Grenznutzlosigkeit sprechen.

Ich meine nun, dass diese Vorstellung helfen kann eine Tendenz bei hochkompetitiven Forschungsanträgen zu begreifen und damit eine Irrationalität von Forschungsförderungsinstrumenten zu beschreiben: Je geringer die Erfolgsquoten von Verfahren sind, desto mehr kommt es in der Antragstellung letztlich auf jedes, auch noch so kleine Detail an. Der Aufwand, der in einen Forschungsantrag gesteckt werden kann, ist dabei prinzipiell unbegrenzt. Es ließe sich immer noch an diesem oder jenem Aspekt feilen, diese oder jene (niemals ganz kongruenten) Feedbacks einarbeiten. Die sachliche Relevanz dieser Details fällt zugleich aber immer geringer aus (freilich ist dies eine Tendenz, keine strikte Linearität – die Bedeutung eines Feedbacks entspricht nicht einfach umstandslos dem Zeitpunkt im Antragsverfahren).

Der kompetitive Teufelskreis

In der „Verbesserung“ von Anträgen können zwei Aspekte unterschieden werden: der komparative Vorteil und die wissenschaftliche Qualität. Auch wenn beide Aspekte sicher nie ganz sauber zu trennen sind, so lassen Sie sich als Handlungsorientierungen durchaus unterscheiden. Geht es darum, dass man gerade an einer Verbesserung des Konzepts und der Idee arbeitet? Oder geht es um die Optimierung der Erfolgsaussichten des Projektes, sich gegen andere durchzusetzen, indem etwas die Formatierung ansprechend ist, die Aufmerksamkeit der Reviewer*innen gesichert wird, der Antrag sprachlich optimiert wird?

Meine Beobachtung ist, dass sich der Fokus im Verlaufe von Antragsprozessen zunehmend von ersten Aspekt zum zweiten hin verschiebt. Dabei können dann zunehmend minimalste Aspekte eine Rolle spielen, die den Eindruck des Proposals optimieren sollen – letztlich aber für das vorgeschlagene Projekt überhaupt keine Rolle spielen.

Im kompetitiven Kontext heißt das aber auch, dass die Antragsteller*innen, indem sie gegenseitig versuchen sich zu übertrumpfen, den Antragsaufwand für alle wechselseitig immer weiter in die Höhe treiben. Diese Tendenz ist zugleich rational und irrational. Sie ist rational, weil am Ende ja der Erfolg des Antrags zählt und man so darauf spekuliert, dass sich der Mehraufwand auszahlt. Man könnte meinen, dass sich der aufgebrachte („rationale“) Aufwand für die Antragstellung begrenzt ist auf:

Aufwand = Nutzen des Erfolgs * Wahrscheinlichkeit des Erfolgs

Aber das würde eine reflexive Dimension unterschlagen, die gerade dem kompetitiven Setting eigen ist. Wenn man so will, macht sich hier eine soziologische Dimension geltend und überformt die folk rational choice theory der Antragstellenden. Die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs hängt nämlich auch vom Verhalten der anderen ab. Nehmen wir an, dass alle anderen genau der Formel Aufwand = Nutzen des Erfolgs * Wahrscheinlichkeit des Erfolgs folgen, dann ist individuell gesehen der Nutzen eines minimalen Zusatzaufwands ungleich höher, da er den komparativen Vorteil so erhöht, dass die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs überproportional in die Höhe schnellt. Nicht nur steigt die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs erheblich, mit einem überdurchschnittlichen Aufwand, auch sinkt die Erfolgswahrscheinlichkeit der anderen entsprechend.

Auch wenn ich mich hier wirtschaftswissenschaftlicher Beschreibungen bediene, sollte klar sein, dass die hier beschriebene Situation nicht allein über eine individuelle Kosten/Nutzen-Kalkulation aufzulösen ist. Das Wissen um den Aufwand der anderen steht nämlich nicht fest, sondern ist von Antizipationen, Mythen und vielleicht auch Ängsten und Sorgen der Unzulänglichkeit überformt. Wenn man dies berücksichtigt kann die gewählte Beschreibung aber helfen, eine situative Logik und sich daraus ergebene Tendenz zur gegenseitigen Überbietung im Aufwand zu verstehen.

Berücksichtigt man die kompetitive Situation lässt sich der individuell ,rationale‘ Aufwand, vielleicht eher darstellen als:

Aufwand = Antizipierter Aufwand der besten Erfolglosen + 1

Wobei berücksichtig werden, dass es sich für die anderen auch so darstellt, so dass eine Art rekursiver Prozess gestartet wird:

Aufwandneu = (Antizipierter Aufwand der besten Erfolglosenalt +1) +1 …

Jetzt kann man erwarten, dass dieser Spirale eine Grenze dadurch gesetzt wird, dass der Aufwand irgendwann den Nutzen der Förderung auch im Erfolgsfall überschreitet. Die genannte Tendenz würde dann nur in dem Rahmen wirksam werden, in dem der Aufwand unterhalb des absoluten Nutzens (ohne Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeit bzw. Unwahrscheinlichkeit) bleibt, da jenseits dessen ein zusätzlicher Aufwand nur ein weiteres Minus wäre.

Und die entsprechende Tendenz hat sicher auch Grenzen. Allerdings werden diese zum Teil wohl noch weiter ge- oder sogar überdehnt, weil entsprechende hochkompetitive Förderungen nicht nur einen absoluten Wert haben, sondern auch einen komparativen Nutzen: Sie versprechen einen besonderen symbolischen Nutzen daraus, dass man sich gegen die anderen durchgesetzt hat: sie sind „Auszeichnungen“ und bringen „Prestige“ mit sich, die weitere Türen öffnen (sollen). Darum werden sie im Zweifelsfall auch verfolgt, selbst wenn das Aufwand/Fördergeld-Verhältnis in anderen Kontexten wesentlich vorteilhafter wäre.

Verlässt man aber die individuelle Perspektive, dann führt die kompetitive Logik, da wo sie sich zu einem selbstbezogenen Steigerungsprozess verselbstständigt, letztlich zu einer maßlosen Ressourcenverschwendung. Während sich für die Erfolgreichen der wirkliche Gewinn im Vergleich zum Aufwand zunehmend verringert, steht dem auf gesamtwissenschaftlicher Ebenen ein zunehmend entgrenzter Aufwand der Nicht-Erfolgreichen entgegen. Womit der Wettbewerb, der ja ab den 1990er Jahren gezielt in die Wissenschaft eingeführt wurde um eine vermeintliche Effizienzsteigerung zu bewirken, hier zunehmend die tatsächliche Forschungstätigkeit erdrückt.

Damit meine ich nicht, dass ein Wettbewerb zwischen Wissenschaftler*innen automatisch immer schon einer Verbesserung von Wissenschaft entgegen steht. Es mag Wissenschaftler*innen anspornen, ihre Projekte möglichst gut zu machen, um eine Anerkennung durch einen prestigereichen Grant zu bekommen. Irrational wird dies dadurch, dass dem Wettbewerb keine Grenzen gesetzt werden, dass man daran glaubt, dieser wäre die magische Maschine, die – qua unsichtbarer Hand – die Besten zu Tage fördert.

Dabei spielt gerade in der entgrenzen Steigerungslogik die Frage von Ressourcen eine zunehmende Rolle. Offensichtlich sind schon lange die Grenzen dessen erreicht, was sich individuell an Aufwand leisten lässt, wenn sich inzwischen immer mehr Agenturen darauf spezialisieren Anträge zu begleiten und zum Teil sogar zu schreiben. Subjektiv wird hier Entlastung für den Aufwand geschaffen, in der Hoffnung den Aufwand für die Antragstellung zur Verringern und so einen Antrag subjektiv auch da wieder sinnvoll erscheinen zu lassen, wo das individuelle Aufwand­–Nutzen-Kalkül negativ ausfällt. Letztlich wird hier der immer steigende Aufwand externalisiert (bei durchaus erheblichen finanziellen Kosten).

Daraus ergeben sich zwei Irrationalitäten aus der Perspektive der Wissenschaft.

1. Die Zeit die in die kompetitive Optimierung geht, gerät letztlich in Konflikt mit der Zeit die für wissenschaftliche Forschung bleibt. Neben einer allseitig beklagten zunehmenden Belastung durch bürokratischen Aufwand, einen auf Dauer gestellten ständigen Bewerbungsprozess durch grassierende Befristung tritt die permanente und immer aufwändigere Antragsmaschinerie.

2. Während sich in diesem Prozess das kollektive Aufwand/Nutzen Verhältnis immer weiter verschiebt, ist mit der Externalisierung von Aufwand aber zugleich auch ein Problem angesprochen: der Antragsprozess wird zunehmend von den bestehenden institutionellen Ressourcen überformt. Und dies steht im Widerspruch zu den Bemühungen, innovative Forschungsideen zu fördern statt in einem Förderkonservatismus mit aufwändigen Verfahren das Geld dahin zu verteilen, wo schon viel war.

KI als Gegengift?

Die zunehmende Nutzung von KI in Antragsprozessen mag hier zunächst als eine Angleichung der Ressourcen erscheinen. Nun, so diese Perspektive, stehen die kostspieligen externen Antragsberatungen allen in Form von kostenlos (wenn auch nicht „frei“) verfügbaren Chatbots zur Verfügung. In Einzelfällen mag dies zutreffen. Es hat aber enge Grenzen, und diese werden eher noch enger werden. Geht man z.B. von Änderungen in Antragsformaten aus, so werden LLMs aufgrund der Datenbasis letztlich immer die Tendenz haben, nicht für diesen Call zu beraten, sondern für einen Vergangenen (oder eine Mischung aus mehreren vergangenen). Entscheidender ist aber, dass es absehbar eine größere Differenzierung geben wird, welche Modelle was können und wie aktuell sind – und welch Kosten damit einher gehen. Zumindest wird die Quersubventionierung einer breiten kostenlosen oder kostengünstigen Nutzung durch spekulative Investitionen in KI-Unternehmen sich nicht auf Dauer stellen lassen und sie werden irgendwann ein Geschäftsmodell vorweisen müssen. Vorboten davon finden sich in der schon stattfindenden Verteuerung von besonders leistungsfähigen Modellen und der von OpenAI angekündigten Integration von Werbung. (Die Konsequenzen die KI-Nutzung für die wissenschaftliche Integrität hat, sind ein anderes Thema, dem ich hier nicht nachgehe.)

Berücksichtigt man diese Entwicklungen, dass steht zu erwarten, dass KI, statt bestehende institutionelle Hierarchien auszugleichen, eher ein Medium sein wird, über das sich entsprechende institutionelle Asymmetrien im Wissenschaftssystem in die Anträge einschreiben werden. Ähnlich wie der Zugriff auf kostspielige externe Beratungsagenturen ungleich verteilt ist, wird es auch der Zugang zu den leistungsfähigsten KI-Modellen sein.

Weg vom ruinösen Wettbewerb?

Was sind die Konsequenzen daraus? Es wäre meines Erachtens Zeit darauf zu reflektieren, dass immer kompetitivere Verfahren nicht automatisch zu einer Förderung der besten Wissenschaft führen. Vielmehr ist Wettbewerb in der Wissenschaft nur dann wissenschaftlich produktiv, wenn er klar begrenzt wird. Das kann natürlich nicht dazu führen, dass alle Drittmittelprogramme einfach so aufgestockt werden, dass ihre Erfolgsquoten auf 50 % steigen. So sinnvoll die Erhöhung von einzelnen Drittmittelformaten sein mag, so wenig löst sie das allgemeine Problem. (Letztlich hätte man hier ja einfach eine Aufwärtsspirale: geringe Erfolgsquote → mehr Mittel → höhere Erfolgsquoten → höherer erwarteter Nutzen → mehr Anträge → geringere Erfolgsquote …). Letztlich wäre in zwei Richtungen zu denken: Drittmittel müssten fokussiert solche Forschung fördern, die in Form oder Umfang durch besondere Anforderungen gekennzeichnet sind. Dem müsste aber eine angemessene Grundfinanzierung entsprechen, die auch ohne eine Aufwandsspirale zur Verfügung steht. Markt und Wettbewerb sind keineswegs aus sich selbst heraus die ‚effizientesten‘ Lösungen für die Forschungsfinanzierung. Vielmehr müsste man im konkreten Fall begründen, welchen gesamtwissenschaftlichen Nutzen der Rückgriff auf Wettbewerb jeweils haben soll. Aktuell scheint mir auf dieser gesamtwissenschaftlichen Ebene (!) jedenfalls weniger ein Anreiz zu immer mehr hochkompetitiven Anträgen geboten, als vielmehr ein Anreiz für alle, weniger Anträge zu stellen. Aus individueller Perspektive wird das aber in einer Situation, in der grundfinanzierte Forschung in den Hochschulen immer weiter trockengelegt wird, absehbar keine gangbare Perspektive sein.

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