Die Vergesellschaftung „sozialer“ Medien – das Fediverse

Dieser Post ist Teil der Beitrags „Strategien gegen Internetparolen“.

Bei den bisherigen Überlegungen und Tipps zum Umgang mit Parolen in heutigen Sozialen Netzwerken haben wir uns mit Taktiken begnügt, wie man innerhalb des gegebenen Kontexts eines kommerziellen Mediums gegen Hass und Hetze vorgehen kann. Aber ist es sinnvoll, diese Netzwerke mit ihren Algorithmen als selbstverständlichen Ort anzunehmen, an dem wir mit anderen in Austausch kommen? Bildlich gesprochen haben wir uns daran gewöhnt, uns online der Halböffentlichkeit von Shopping-Malls zu treffen, in denen wir gezielt von Werbebotschaften beschallt werden, von Videokameras überwacht werden und auf den Goodwill von Security-Mitarbeiter*innen angewiesen sind, die uns ohne genauere Begründung mit Verweis aufs Hausrecht rausschmeißen können. Aber warum soll es uns nicht gelingen, soziale Medien als ein wirklich öffentliches Gut zu entwickeln? Als einen wirklich öffentlichen Marktplatz, oder wie man in Anschluss an die griechische Demokratie sagen könnte, eine Agora?

Es gab bereits mehrere Versuche in dieser Hinsicht, heute kann aber wohl vor allem das „Fediverse“ herausgehoben werden. Damit wird gleich ein ganzes Bündel von Apps verstanden, die über ein gemeinsames Protokoll verbunden werden. Es gibt Apps, die ähnlich wie Facebook sind, Apps die ähnlich wie Twitter sind, Apps die ähnlich wie Instagram sind etc. (Wobei es sich natürlich nicht um einfache Kopien handelt, sondern es auch Eigenheiten und zum Teil eigene Kulturen gibt.) Im Fediverse kann ich aber zum Beispiel auch mit meiner Kurznachrichten-App einem Bilder-Account folgen und mir dessen Posts anschauen. Wichtige Eigenschaft ist dabei die Dezentralität. So wie man einen E-Mail-Account bei unterschiedlichen Anbietern haben kann, und trotzdem E-Mails austauscht, kann man z. B. einen Pixelfed-Account bei unterschiedlichen Anbietern („Servern“) haben, aber dennoch Bilder austauschen (für eine genauere Beschreibung anhand von Mastodon klicke hier).

Das alles hat auch für die hier besprochenen Themen eine große Relevanz. Im Fediverse gibt es keine zentrale Instanz, die bei Parolen einschreitet (oder häufig eben auch nicht), sondern jeweils lokale Administrator*innen und Moderator*innen. Hier kann es zwischen Moderator*innen und zwischen Servern mit deren jeweils eigenen Regeln auch zu unterschiedlichen Ansichten kommen, was akzeptabel ist und was nicht. In der Regel erlaubt die Dezentralität mit kleineren und überschaubareren Communities aber einen zügigeren und kontextsensibleren Umgang mit Überschreitungen oder Konflikten.

Ein vielleicht noch wichtigeren Unterschied bildet, dass es im Fediverse keinen zentralen Algorithmus mehr gibt, der etwa extreme Meinungen und Haltungen verstärkt. Die meisten Apps zeigen Posts ein antichronologischer Reihenfolge an. Posts gewinnen nicht durch einen Algorithmus an Sichtbarkeit, der etwa Provokationen belohnt, sondern durch direkte Entscheidung der anderen Nutzer*innen, dass sie etwas verbreiten wollen. Wenn man so will, ist ein viraler Post „Handarbeit“, wodurch die Wahrscheinlichkeit auf einen Post Reaktionen zu bekommen wesentlich gleicher verteilt ist. Das kann einerseits bei Nutzer*innen, die von anderen Medien kommen zu Frustration führen, weil ihre Strategien Aufmerksamkeit zu bekommen (etwa über einen „egdy“ Post, oder eine provokativen Kommentar zu Äußerungen von anderen), nicht mehr ohne weiteres funktionieren. Auf der anderen Seite ist diese Rückkopplung von der Verbreitung von Posts mit der bewussten Entscheidung, etwas mit seinen Followern teilen zu wollen, aber eben auch eine mögliche Antwort auf die Frage, wie wir die Entmündigung unserer Kommunikation durch kommerzielle Algorithmen entgehen können und wieder zu einer transparenteren medialen Öffentlichkeit zurückkehren können. Dazu gehört auch, dass es bisher durch die Gestaltung zumeist einfacher ist, etwas zu Verbreiten dass man unterstützt, als etwas zu verbreiten, das man ablehnt. Das ist zwar im Fediverse nicht notwendig so, da es letztlich von der Gestaltung von Apps abhängt. Es kann aber zu einer produktiveren Diskussion äußern, die Stärker auch das Verbindende sichtbar macht, statt einen Permanenten Streit zu befördern (etwa weil er mehr „engagement“ mit sich bringt und damit mehr Werbegelder).

Sicher lässt sich rechten Parolen im Netz nicht einfach technisch begegnen. Auch im Fediverse wird es darauf ankommen, dass Beleidigungen und Herabwürdigungen aktiv von Nutzer*innen begegnet wird. Kommerzielle Soziale Medien können aber in gewisser Weise auch als Entmutigungsmaschinen für einen demokratischen Diskurs verstanden werden, wenn man bedenkt, dass zum Teil massiv überschätzt wird, wie groß der Anteil an Nutzer*innen ist, die z. B. Hass oder Falschnachrichten verbreiten (vgl. Lee/Neumann/Zaki/Hancock 2025) – nicht zuletzt, weil diese Nutzer*innen von ihrem „Erfolg“ bestärkt werden. Diese Überschätzung führt zu einer pessimistischen und Zynischen Grundhaltung. Es ist naheliegend, dass eine solche Grundhaltung ein kollektives und solidarisches Handeln (ob on- oder offline) eher erschwert.

Vor diesem Hintergrund lässt sich festhalten: Kein Soziales Medium wird Demokratie zu einem Selbstläufer machen, aber wir müssen es den Demokrat*innen auch nicht unnötig schwer machen, Gehör zu finden.

Praxis:
Probiert doch einfach mal aus, einen Mastodon- oder Pixelfed-Account anzulegen. Praktische Hinweise findet ihr hier: https://www.perspektivbrocken.org/2022/04/25/mastodon-fuer-dummies/

Ihr habt schon einen Account? Dann sprecht mit jemandem über das Fediverse? Vielleicht hat eure soziale Initiative, euer Verein etc. bisher noch kein Account im Fediverse? Dann könnt ihr dazu beitragen, dass hier ein breiter zivilgesellschaftlicher Raum ausgebaut wird.

Dieser Post ist Teil der Beitrags „Strategien gegen Internetparolen“.

LITERATUR:

Angela Y Lee, Eric Neumann, Jamil Zaki, Jeffrey Hancock, Americans overestimate how many social media users post harmful content, PNAS Nexus, Volume 4, Issue 12, December 2025, pgaf310, https://doi.org/10.1093/pnasnexus/pgaf310

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