„Die Ängstlichen“ – Angst und stochastischer Selbsttechnik

Lehnt man im Kontext der Corona-Pandemie bestimmte Handlungen ab, besteht man etwa auf dem Tragen einer Maske in einer kleineren Gruppe etc., so wird dies schnell als Folge eines subjektiven und emotionalen Zustandes gedeutet – man sei verunsichert und ängstlich, reagiert deshalb über, so die Annahme. Elizabeth Stokoe hat in diesem Zusammenhang in einer kleinen Reihe von Tweets vorgeschlagen, die „Ängstlichen“ als eine Art membership category zu fassen. Als Mitgliedskategoriesierungen bezeichnet die Konversationsanalyse – sehr grob gesprochen – Einordnungen von Menschen in Kollektivbezeichungen, die mit Vorstellungen darüber einhergehen, wie diese Menschen sind, wie sie sich Verhalten und wie sie zu Menschen, die mit anderen Kategorien bezeichnet werden, in Beziehung stehen. Mit den „Ängstlichen“, so scheint es, werden Handlungen in einem Typ von Menschen zusammengefasst, und erscheinen damit sogleich als irrational und nahezu pathologisch (https://twitter.com/LizStokoe/status/1299122381345169409). Aber ängstlich zu sein, muss nicht nur eine Fremdzuschreibung sein. Man kann sich sogar damit, zu den »Ängstlichen« zu gehören, für seine störende Insistenz auf Regeln ›entschuldigen‹. Für seine Ängste kann man ja nichts! Gerade diese Verwendung verweist darauf, dass es hier nicht bloß um individuelle Zuschreibungen handelt, sondern in gewisser Weise um einen objektivierten Typen, mit dem wir durch bloße Erwähnung bestimmte Deutungen unserer Motive und unseres Handelns aufrufen und Erwartungen aushandeln aushandeln können.

Ich habe selbst verschiedentlich erlebt, dass es für andere schwer nachvollziehbar ist, dass ich nicht innerlich von Angst überwältigt bin, mir nicht Horrorszenarien einer Ansteckung mit COVID-19 ausmale. Wenn ich auf der Straße anderen ausweiche, wenn ich versuche auch dort Abstand zu halten, dann treibt mich nicht die Angst. Vielmehr ist es ein Versuch die Erkenntnis umzusetzen, dass im Rahmen einer Pandemie gerade die unwahrscheinlichen Ereignisse entscheidend sind: aus der Masse des Unwahrscheinlichen erwächst der unkontrollierbare Ausbruch. Es ist also nicht eine unmittelbar drohende Ansteckung, die ich fürchte, und durch die ich mich zu einem Verhalten treiben lasse, sondern die Arbeit daran, Unwahrscheinliches noch unwahrscheinlicher zu machen. Wenn man es kritisch haben will, könnte man das im Anschluss an den Philosophen und Historiker Michel Foucault als »gouvernementale Selbsttechnik« bezeichnen, als stochastische Technik des Selbst, die sich in dem Fall selbst mehr als Bevölkerung denn als Individuum fasst. Sei’s drum, dies macht es noch nicht falsch.

Aber offenbar fällt eine solche unwahrscheinlichkeitsbezoge Sicht der Situation nicht gerade leicht. Man gehe durch eine beliebige Fußgängerzone. Bei der Diskussion um den Effekt von Masken fällt es bereits schwer, den Sinn ihres Tragens zu vermitteln, wenn bekannt wird, dass sie weniger zum Schutz der Träger*in als der anderen beiträgt. Dass man sich nun auf eine bestimmte Weise verhalten soll, obwohl negative Folgen des eigenen Tuns in jedem einzelnen Fall je unwahrscheinlich sind, ist noch schwerer zu fassen. Und letztlich erklärt sich wohl nicht zuletzt hieraus die Psychopathologisierung der „Ängstlichen“. Von der (Un-)Fähigkeit eine Situation in einer bestimmten Art und Weise zu verstehen, hängt die (An-)Erkennung spezifischer Handlungsgründe ab.

Dies ließe sich auch als ein Anhang berühmten Thomas Theorem formulieren, das zu einem der klassischen Prinzipien der Wissenssoziologie gehört: Unser kollektives Handeln folgt nicht unmittelbar aus einer objektiven Situation (als Reaktion auf einen Reiz), sondern hängt von unserer (interaktiven und intersubjektiven) Interpretation dieser Situation ab, unserer Situationsdefinition.

»If men define situations as real, they are real in their consequences.«

Es ist plausibel, dass die Situationsdefinition ihererseits bestimmte Handlungsmotive mehr oder weniger plausibel erscheinen lässt. So verstanden hängt die Nachvollziehbarkeit – und man könnte sagen: Intelligibilität – unseres Handelns wesentlich davon ab, welchen Zugang die anderen Teilnehmer*innen zur Situation haben. So erhielte das Thomas Theorem das Addendum:

A person’s perception and recognition of your motives is limited by his/her definition and comprehension of the situation.


Ergänzung 7. Mai 2022

Auch eineinhalb Jahre später, erfreut sich die Kategorie der „Ängstlichen“ weiter großer Beliebtheit. Gegner von Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben immer wieder das Bild einer Politik der Angst beschworen. Vor diesem Hintergrund wurden den „Ängstlichen“ darüber hinaus, nicht selbstbestimmt, bewusst und rational zu Handeln, auch zugeschrieben dabei explizit fremdbestimmt zu sein und einer Manipulation zu unterliegen. Dabei waren und sind diese Gruppen zugleich ihrerseits nicht arm an Horrorszenarien („Corona-Diktatur“ etc.) die auf die Mobilisierung von Ängsten zielen.

Während sich diese Metapolitik der Angst – der delegitimierende Vorwurf, dass die geltenden Regeln lediglich aus Angst und nicht aus Einsicht befolgt würden – noch gegen bestehende Verpflichtungen richtete, wird mit der Kategorie der „Ängstlichen“ nun öffentlich auch noch die individuelle Vorsicht traktiert. Ganz vorne dabei die Welt. Zum Ende der Maskenpflicht schrieb Chefreporterin Anna Schneider bereits despektiertlich von den „deutschen Angsttiere[n]“. Und zuletzt wurde getitel: „Freiwillig Maske tragen? Die Ängstlichsten nehmen den Rest in Schutzhaft“. Den „Ängstlichen“ wird hier (nicht unvorbereitet) nun eine weitere „category bound predicate“ zugeschrieben: Aggressivität. Nicht nur sind sie irrational und fremdbestimmt, wir müssen uns auch gegen sie verteidigen, so die Logik.

Man darf gespannt sein, wie es weiter geht.

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