Ein Blick ins Schwarze Loch – Anmerkungen zu Anja Jonuleits Roman „Rabenfrauen“ über die „Colonia Dignidad“

In ihrem Roman „Rabenfrauen“ nähert sich Anja Jonuleit der Entstehung und dem Innenleben der „Colonia Dignidad“ an. Die „Colonia Dignidad“ war eine in den 1960ern in Chile gegründete Siedlung rund um den evangelikalen Sektenführer Paul Schäfer, der die Sektenmitglieder einer Gehirnwäsche unterzog, sie hat foltern und mit Medikamenten ruhigstellen lassen, der nicht zuletzt fortwährend minderjährige Jungen vergewaltigte und die Siedlung letztlich auch zur Folterstätte für die Militärdiktatur Pinochets ausgebaute. Eine häufig gestellte Frage, die auch der Roman Jonuleits aufgreift: Wie konnte es sein, dass Menschen sich freiwillig in die gefängnisähnliche totalitäre Struktur der Sekte begeben haben? Wie konnte es insbesondere auch sein, dass Ehepartner sich haben isolieren lassen und Eltern sich von Kindern trennen ließen?

Jonuleit erzählt die Geschichte in einer zeitverschobenen Verschachtelung von Perspektiven: Wir sehen mit Ruth, wie 1959 ein freikirchliches Zeltlager im Dorf aufgeschlagen wurde, dass sie mit ihrer Freundin Christa besucht, sie erlebt wie ihre Freundin immer mehr der Gemeinschaft verfällt, sich von ihr und ihrer Familie abkapselt, in das Sektenhaus in Lohmar-Heide zieht und schließlich mit nach Chile ausreist. Die zweite Perspektive ist die von Christa selbst, die den Aufbau der Kolonie seit den frühen 1960er Jahre begleitet, von ihrem Mann und auch von ihren Kindern getrennt wird. Christa versucht zu fliehen, schafft es schließlich sogar bis zur deutschen Botschaft, wird von da aber wieder in die Kolonie verschleppt. Schließlich wird als dritte Perspektive Ruths Tochter Anne begleitet, die nach dem Tod ihres Freundes im Heimatort ihrer Mutter 2010 Renate, die Tochter Christas kennen lernt und über sie von der unaufgearbeiteten Geschichte der Kolonie erfährt.

Aus Christas Perspektive wird ein Blick ins Innenleben der Gemeinde auf dem „Fundo“, wie das Territorium der Sekte genannt wurde, eröffnet. Eine weibliche Perspektive, was in der geschlechtersegregativen und androzentrischen Ordnung der Kolonie einen Unterschied macht, und als Gegengewicht zur den lange auf die männlichen Täter und Opfer fokussierten Berichten und Beschreibungen verstanden werden kann, die sich mit der „Colonia Dignidad“ auseinandersetzen. Anhand von Christina wird nicht nur das Leiden an der Ordnung der Sekte sichtbar, die Versuche aus ihr auszubrechen und immer wieder, der Versuch sich in ihr einzurichten; deutlich wird auch die Unentrinnbarkeit, die sich nicht auf die immer engmaschigere Überwachung des „Fundo“ beschränkt und nicht an der stacheldrahtumzäunten Grenze des Geländes endet. Durch Bestechung der lokalen Polizei dehnt sie sich auf die Gegend um das Sektengrundstück aus, ja, sie erstreckt ihre Arme letztlich bis in die deutsche Botschaft im 350 km entfernten Santiago. Hier wird der ausgreifende Informationshorizont deutlich, den die Führungsriege der Sekte zu etablieren in der Lage war, eine Gravitation, der nicht nur persönlich so gut wie nicht zu entkommen war, sondern aus der, mehr noch, auch keine (unkontrollierte) Nachricht nach außen dringen konnte.

Stärker als in diesem direkten Blick in den grauenhaften Alltag der zu Arbeitssklaven degradierten Mitglieder, die, mit Sartre gesprochen, die Hölle füreinander wurden, ist das Buch aber da, wo es sich über weite Teile mit den Perspektiven von Ruth und Anne der Unmöglichkeit eines solchen direkten Blicks verschreibt. Mit den beiden Freundinnen Ruth und Christa, gelingt es Jonuleit zunächst eine Differenz erfahrbar zu machen: Während die eine sich in den Fängen der Freikirchlicher und ihren Bet- und Bußriten verfängt, wendet die andere sich ab und entkommt dem Verhängnis. Nahe liegt die Frage, warum die beiden Freundinnen so unterschiedliche Wege nehmen. Jonuleit verfällt hier nicht auf einfache und heroische Erklärungen der Unterschiede. Vielmehr wird aus der Perspektive Ruths sowohl die Anziehungskraft, die von der Gemeinschaft des freikirchlichen Zeltlagers ausging, als auch die Befremdung und Distanzierung dieser gegenüber deutlich. Die Gemeinde erzeugt ein Zugehörigkeitsgefühl, sie ist eine Quelle von ungekannter Anerkennung, sie verspricht das Abendteuer und letztlich auch schlicht: Beschäftigung. Die Unterwerfung unter die herrischen Bußforderungen Paul Schäfers wirkt hier als Zugangsvoraussetzung zu all dem, ein zunächst duldbarer Preis für die Teilhabe. Schließlich ist es eine pubertäre Schwärmerei für Erich, einen getreuen Schäfers, die Ruth und Christa teilen, und die sie zu den scheinbar braven Christen hinzieht. Die Schilderung dieser Schwärmereien können bei Jonuleit etwas klischeehaft, etwas triefend erscheinen. Hier ist aber vielleicht aber auch angebracht zu fragen, ob Schwärmereien manchmal nicht genau so sind – und gerade in ihrer Banalität tendenziell zu wenig berücksichtigt werden. Es ist wohl nicht zuletzt (wenn auch sicher nicht ausschließlich) das Ausleben ihrer Anziehung zu Erich, die bei Ruth auch in eine Enttäuschung und Distanzierung umschlägt, die diese mit den Freikirchlern brechen lässt, während Christa in ihrer Hoffnung an sie gebunden bleibt. Das Nebeneinander von Ruth und Christa vermag vor diesem Hintergrund die Kontingenz und den schieren Zufall sichtbar zu machen, die sich in die entscheidende Unterscheidung übersetzten, dass die eine sich mit über den Point of no Return des Sektenlebens ziehen lässt, die andere nicht.

Aus Ruths Perspektive wird darüber hinaus aber auch die zunehmende Unmöglichkeit deutlich, Christa zu erreichen – aufgrund der zunehmenden Isolierung der Sektenmitglieder von ihren Familien und Freunden, aber auch wegen ihrer unbedingten Identifizierung mit den Lehren der Gemeinschaft. Bereits im Gemeindehaus in Lohmar-Heide finden fast nur noch nichtssagende „offizielle“ Nachrichten ihren Weg nach außen. Die spärlichen Informationen jenseits dessen lösen sich mehr und mehr in einer Ohnmacht auf, angesichts der Unzugänglichkeit Christas für Versuche das Sektenleben zu hinterfragen, aber auch angesichts der mangelnden Bereitschaft der Behörden, einzugreifen. Spätestens mit dem Umzug der Gemeinde nach Chile wird aus dem Dunkelgrau, dass sich über das Geschehen innerhalb der Gemeinde legt, ein undurchdringliches Schwarz. Wie bei einem schwarzen Loch, dringen keine Informationen aus dem innersten mehr nach außen. Lediglich strahlen noch Informationen von der Grenze selbst ab: die Erfahrung ihrer Undurchdringlichkeit, die Abweisungen und ihre Absicherung durch die lokale Polizei. Gerade, dass das innere des Kolonie absolut dem Blick von außen entzogen wird, erlaubt die systematische Simulation einer sauberen harmonischen Welt nach außen: bayrische Volkstänze, Würsten und bescheidene gläubige Menschen – unterstützt sicher auch durch die äußere Projektion einer heilen selbstgenügsamen und wertgebundenen Gegenwelt, die sich aus einem antimodernen Ressentiment speist, und die einen Teil des Wohlwollens erklären mag, dass den braven und frommen ‚Urchristen‘ von Anfang an entgegengebracht wurde.

Das undurchdringliche Dunkel des Sektenlebens, als einer totalitären Gesellschaft en miniature, beschränkt sich jedoch nicht nur auf den äußeren Blick auf dieses selbst, es zieht Teile der es umgebenen Vergangenheit in sich hinein, es wuchert über sich hinaus, getragen von Geheimnissen, Schuldgefühlen und Trauer. So macht im Roman erst das Auftauchen von Renate, als Erinnerung und Wiederkehr des Ausgeblendeten und Verdrängten, die Lücke vernehmbar, die in der Vergangenheit zwischen Ruth und ihrer Tochter Anne klafft. Während dies in der Erzählung insbesondere durch ein Geheimnis, das die Beziehung von Ruth, Christa und Anne betrifft, motiviert ist, lässt sich dieses sich ausbreitende und zugleich übersehene Schweigen auch als Allegorie eines doppelten Verlustes verstehen. Indem Ruth Christa an das Schwarze Loch der „Colonia Dignidad“ verliert, verliert sie auch ein Teil ihrer selbst.

Bis heute ist die Aufarbeitung der Geschichte der „Colonia Dignidad“ nur in Bruchstücken erfolgt. Im Zentrum stehen insbesondere diejenigen Menschen, die als Kinder und Jugendliche ohne eigenes Zutun den Drangsalierungen und dem Missbrauch des Sektenalltags ausgeliefert waren und die Folteropfer, die die chilenische Militärdiktatur in den Folterkeller der Kolonie verschleppte. Eine systematische Aufarbeitung der Verwicklung der deutschen Botschaft in Chile, des Auswärtigen Amtes und der deutschen Diplomat*innen, die die Sekte geschützt und ihr zum Teil sogar zugearbeitet haben, steht trotz einiger Bemühungen der letzten Jahre weitgehend aus. Anja Jonuleit wendet in ihrem Roman anhand der fiktiven Figuren von Ruth, Christa und Anne den Blick darüber hinaus auf den Kontext der Entstehung der der Gemeinde und der vielen im Dunkeln verbleibenden Leidensgeschichten, die zerissenen Familien und traumatisierten Kinder, die die „Colonia Dignidad“ und ihre Führungsfiguren auf dem Weg ihrer Entstehung hervorgebracht und zurückgelassen haben.

Anja Jonuleit 2018: Rabenfrauen, München. dtv.

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