Von Subjektposition zu Subjekträumen – Überlegungen zum Verhältnis von Diskurs und Subjekt

In strukturalistischer Tradition geht die französische Diskursanalyse davon aus, dass Subjekte dem Diskurs nicht zugrunde liegen, sondern von diesem allererst erzeugt werden (vgl. Angermuller 2014: 138). In diesem Kontext ist von „Subjektpositionen“ die Rede. Und während diese als zu starre Konzeption der diskursiven Hervorbringungen und Determinierung des Subjekts kritisiert werden (vgl. Schatzki 2002: 194 ff.), so ist doch die Plausibilität dessen nicht abzustreiten, dass wir nicht aus freien Stücken sprechen; dass – um gehört und ernstgenommen zu werden – wir einen Ort im Diskurs adaptieren müssen. Gerade aus diesem Sachverhalt entsteht ja eine ganze Reihe an Ambivalenzen kritischer Interventionen in den Diskurs, da diese, um wirksam werden zu können, in gewisser Weise immer auch ein Stück weit dazu genötigt werden, das kritisierte zu stützen. Im Diesseits, so könnte man zuspitzen, lässt sich nicht von einem Nicht-Ort, einem ou-topos aus sprechen, in dem die gegenwärtigen Verhältnisse schon überwunden wären.

Allerdings darf diese Plausibilität der Verstrickung ins Bestehende nicht einer defätistischen oder zumindest passivistischen Interpretation des Strukturalismus das Wort reden, in der die Rede nicht mehr, ja, nichts anderes als die Reproduktion ihrer Möglichkeitsbedingungen sein kann. Besser als von Subjektpositionen, die das Individuum genau auf einen determinierten Punkt festlegen wollen, wäre in diesem Sinne von Subjekträumen zu sprechen, die durch den Diskurs eröffnet, aber eben auch reguliert werden. In dieser Metapher lässt sich das Zugleich von Restriktion, Ermöglichung und Spielraum besser fassen. Dabei ist die Metapher des Subjektraums als vage Heuristik anzuerkennen, deren Implikationen, aber auch Grenzen, an empirischen Fällen herauszuarbeiten wäre.

Wie verhalten sich existierende Subjekte zu diesem Raum? Wie „wachsen sie in dem auf“ (konstruktives Moment des Diskurses)? Wie engen sie ein, was für Begrenzungen setzen sie (restriktives Moment)? Was ist innerhalb des Räume möglich (Moment der Ermöglichung)? Aber ganz entscheidend auch: Welches Transformationspotential für solche Räumen steckt in den Äußerungen des Diskurses selbst, wie lassen diese umgestalten, abreißen, aufbauen? Diese letzte Frage mag als eine heimliche Wiederauferstehung des Subjekts als Herrscher über eben jene Räume wirken, die ihm doch zugrunde liegen sollen – aber innerhalb des Metapher wäre dabei zu berücksichtigen, dass auch das Abreißen und Aufbauen räumlich situiert ist: die Möglichkeit eine Wand einzureißen ist durch die Konstruktion der Räume und Gebäude bedingt und Versuche der Erweiterung eines Subjektraums können durchaus mit dessen Zusammenbruch enden.

Literatur

Angermuller, J. (2014): Enunciative Pragmatics. Introduction.: The Discourse Studies Reader. Main currents in theory and analysis. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins Publishing Company, 136-139

Schatzki, T.R. (2002): The Site of the Social. A Philosophical Account of the Constitution of Social Life and Change. University Park, Pensylvania: The Pennsylvania State University Press

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