Permutationen der Geschichte – Anmerkungen zu Patrik Ouředníks „Europeana“

Anlässlich der Leipziger Buchmesse, bei der 2019 Tschechien Gastland war, hat der Czernin Verlag in diesem Jahr das Buch Europeana wieder aufgelegt. In dieser, zuerst im Jahr 2001 auf tschechisch erschienen, „kurzen Geschichte Europas im zwanzigsten Jahrhundert“, wie es im vom Verlag gewählten Untertitel heißt, legte der in Tschechien geborene und seit den 1980er Jahren in Frankreich lebende Schriftsteller und Übersetzer Patrik Ouředník weniger eine Conclusio über das gerade numerisch abgeschlossene Jahrhundert vor, als vielmehr dessen Rohform offenzulegen und die Unabgeschlossenheit seiner zum Teil widerstreitenden Deutungen sichtbar zu machen. Vermutlich ist es nicht zuletzt diese Offenheit des Buches, die seine anhaltende Brisanz und Produktivität gerade auch in den letzten Jahren erklärt. So ist 2018 eine Theaterfassung des Textes als Gastspiel eines Prager Theaters in Hannover aufgeführt und in diesem Jahr hat Heiner Goebbels in seiner multimedialen Inszenierung Everything that happens and could happen im Rahmen der Ruhrtriennale maßgeblich auf Ouředníks Text zurück gegriffen.

© Czernin Verlag Wien

Relevant ist Europeana heute vermutlich besonders da, wo es sich der einseitigen Bezugnahme auf eine ‚Idee Europas‘ entzieht. Dabei steht das Buch jenseits klarer Gattungszuordnungen. Weder Roman, noch Essay, weder Sachbuch noch Fiktion, spürt es den Ereignissen, den zeitgenössischen Hoffnungen und Ängsten ebenso nach wie den retrospektiven Einordnungen und Bewertungen. Hatte Ouředník mit Das Jahr vierundzwanzig bereits ein assoziativen und sprunghaften Erinnerungsroman vorgelegt, der noch durch eine gewisse Subjektzentriertheit gebunden ist, so wird dieses Zentrum in Europeana zugunsten der Montage von verstreuten Ereignissen und Perspektiven aufgegeben. Angesichts der zur Schau gestellten Polyphonie des Textes ist dabei bemerkenswert, dass, anders als in den großen literarischen Montagewerken der Moderne (etwa Döblins Berlin Alexanderplatz), eine weitgehende Kontinuität des Stils vorherrscht, in der der Text in einer gewissen, angesichts seiner formalen und inhaltlichen Repetitivität fast meditativen, ‚Eintönigkeit‘, vor sich hin treibt.

Getragen ist der Texte von einem additiven Schreiben. Das „Und“, die schwächste Konjunktion, hält den Text zusammen und leitet einen erheblichen Anteil an Sätzen ein. Es bringt die genannten Details, Tendenzen und Einschätzungen in Zusammenhang, ohne dabei genau zu spezifizieren welchen. Und mehr noch: Ouředník multipliziert die Möglichen Zusammenhänge dadurch, dass einzelne Elemente wiederkehren und mit verschiedenen anderen Elementen des Textes aneinander- und zusammengefügt werden – durch Permutation. Dies vermag durchaus Erkenntnis zu stimulieren: in den Momenten, in denen die Leser*in aus dem Nebeneinander von scheinbar Zusammenhanglosem selbst eine Beziehung erschließt. Das gelingt sicher nur zum Teil, und so erscheint Präsentiertes und Präsentation bisweilen absurd, ja, sogar komisch. Solche Komik und die Ironie des Textes sind immer wieder hervorgehoben worden. Wenn der Text als „witzig“ und „amüsant“ beschrieben wird, sollte aber nicht vergessen werden, dass dieses Amüsante zumeist etwas Unwillkürliches hat. Der Impuls des Lachens ist, wie so oft, ein Distanzierungsmittel, das es überhaupt erst erlaubt sich dem durchaus nicht Komischen in seiner Drastik zu nähern. Letztlich ist es wohl die Konfrontation mit dem Sinnentzug jenes additiven und permutativen Schreibens, dem ungeleiteten Nebeneinander von scheinbar banalen Details und vervielfachten und widersprüchlichen Perspektiven, die zum Teil ein Gefühl des Komischen aufsteigen lässt. Eher Aberwitz herrscht hier, denn Witz. Wenig Humoriges hat es jedenfalls, wenn Ouředník bezogen auf den ersten Weltkrieg vorrechnet: „Und es gab zweitausendsechshunderteinundachzig Kilometer gefallene Franzosen und tausendfünfhundertsiebenundvierzig Kilometer gefallene Engländer und dreitausendzehn Kilometer gefallene Deutsche, bei einer Durchschnittsgröße von einhunderzweiundsiebzig Zentimeter pro Leichnam. Und insgesamt waren auf der ganzen Welt fünfzehntausendfünfhundertacht Kilometer Soldaten gefallen.“

Den Anfang des Buches bildet dabei: der Anfang. Nicht als ein klar zu identifizierendes Datum oder Ereignis. Bereits hier wird die Eindeutigkeit zugunsten eines Geflechts widerstreitender Stimmen aufgegeben: „Manche Historiker behaupteten später, das zwanzigste Jahrhundert habe eigentlich erst im Jahre neunzehnhundertvierzehn begonnen, als es zum Krieg kam … Andere Historiker jedoch meinten, dass das zwanzigste Jahrhundert in Wirklichkeit schon früher begonnen habe, dass an seinen Anfängen die industrielle Revolution gestanden sei …“. So wird von Anfang an eine lineare Geschichte, in der sich die Ereignisse wie Perlen an einer Kette aufreihen ließen, untergraben – und es ist nur konsequent, dass dieser Anfang, insbesondere in Form des ersten Weltkriegs, im Verlaufe des Textes wieder und wieder kehrt, wir ihn letztlich nicht hinter uns lassen können. Bei aller Breite der von Patrik Ouředník aufgegriffenen Ereignisse, Themen, Perspektiven, sind es gerade die Gewalt und Massenmorde des 20 Jahrhunderts, der Erste und Zweite Weltkrieg, die Shoa, der Porajmos, die Zwangssterilisierungen von psychisch kranken und behinderten Menschen, die Vertreibungen, das Gulag, die das Gravitationszentrum der der Gedächtnisassoziationen bilden, während andere Aspekte der Europäischen Geschichte eher randläufige Erwähnung finden und zuweilen als absichtlich gesetzte, scheinbar banale Kontrapunkte wirken. Zwischen dem Gemetzel des Krieges werden Toilettenpapier und Büstenhalter erfunden. Schnupftabak verliert an Beliebtheit. Ein Handlungsreisender wird gekündigt, weil sein Auto schmutzig ist.

Der genannte Sinnentzug im Text Ouředníks sollte nicht allein ästhetisch gedeutet werden. Er ist nicht allein künstlerische Strategie, die Sinnstiftungsfähigkeiten der Leser*in einzubeziehen oder herauszufordern. Er hat vielmehr auch einen geschichtsphilosophischen Bezug. Ob Geschichte einen ‚Sinn‘ habe, ist ein klassisches Thema. Schon in der zukunftsoptimistischen Aufklärung wird eine solche Deutung der Geschichte nur mit großen Vorbehalten aufgegriffen. Insbesondere aber die organisierte Gewalt des 20 Jahrhunderts, die Ouředník immer wieder aufgreift, hat sowohl bürgerliche als auch sozialistische Geschichtsmetaphysiken desavouiert. Jenseits von spontanen Sinngebungsimpulsen mag die nichtargumentative Darstellung der Geschichte, die die Ereignisse und ihre Kookkurrenz in roher Sinnlosigkeit erscheinen lässt, so durchaus ein Eigenschaft der Geschichte des 20. Jahrhunderts selbst treffen. Das sollte aber nicht vorschnell mit einem Geschichtsnihilismus gleichgesetzt werden, der sich mit einem vermeintlich radikalen existenzialistischen Gestus in der Sinnlosigkeit der Geschichte einrichtet. Geschichtspolitisch entscheidend wäre vielmehr, ob man sich dieser Absurdität defätistisch hingibt, oder ob man am Sinn eines – wie auch immer beschränkten und vorläufigen – ‚Geschichtssinns‘ festhält.

Ouředníks Geschichte jedenfalls geht weder auf die Auflösung noch auf die Abschließung der Geschichte aus. Wenn er im Buch das Geschehene freilegt und Perspektiven gegeneinanderstellt, wenn er Geschichte in diesem Sinne offen hält, so ist es folgerichtig, dass das Buch, während es mit dem Anfang anfängt nicht mit dem Ende endet. Mit den fortlaufenden geschichtlichen Kämpfen ist letztlich auch die Geschichtsschreibung und -deutung unabgeschlossen, umkämpft. Lapidar heißt es am (Nicht-)Ende des Buches: „Und im Jahre neunzehnhundertneunundachzig entwarf ein amerikanischer Politologe eine Theorie vom Ende der Geschichte, gemäß dieser die Geschichte eigentlich im Jahre neunzehnhundertneunundachtzig ende, da die moderne Wissenschaft und neue Kommunikationsmittel den Leuten ein Leben in Wohlstand ermöglichten, und ein allgemeiner Wohlstand sei Garantie für die Demokratie und nicht umgekehrt, wie sich das einst Aufklärer und Humanisten gedacht hatten. Und ein Bürger sei eigentlich Konsument und ein Konsument sei auch ein Bürger und alle Gesellschaftsformen entwickelten sich in liberale Demokratien und liberale Demokratien wiederum führten zum Verfall aller autoritären Regierungsformen und zu politischer und ökonomischer Freiheit und Gleichheit und einem neuen Zeitalter der menschlichen Geschichte, das aber nicht mehr historisch sein werde. Aber viele Leute kannten diese Theorie nicht und machten weiter Geschichte, als ob nichts gewesen wäre.“

Patrik Ouředník (2019): Europeana. Eine kurze Geschichte Europas im zwanzigsten Jahrhundert, übersetzt aus dem Tschechischen von Michael Stavarič, 2. Aufl., Wien: Czernin.

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