Kritik der Identitätspolitikkritik

Es ist heute fast Mode geworden, die sogenannte Identitätspolitik dafür zu schmähen, dass sie die wahre Kritik, die Kritik an der sozialen Ungleichheit, pervertiere. Die Abarbeitung an Diskriminierung etc. wird als Ablenkung von den eigentlichen Verhältnissen gesehen, wenn nicht gar als Herrschaftsattitude der verschlagenen Eliten gegen den gutmütigen „Pöbel“, der nicht weiß sich in den überkorrekten Sprachgepfogenheiten auszudrücken – und so zu schweigen gebracht wird.

‚Identitätspolitikkritik‘ ist dabei fast zu einem eigenständigen Genre geworden. Sie hat verschiedene Spielarten, die unterschiedlich motiviert sind und auch unterschiedlich argumentieren. Furore in der innerlinken Auseinandersetzung hat insbesondere der Sammelband „Beißreflexe“ gemacht (l’Amour laLove 2017). Aber die Diskussion zieht weitere Kreise. Exemplarisch sei hier nur auf die Ausführungen Svenja Flaßpöhlers (2019) verwiesen, die, durchaus in Kontinuität mit den Polemiken der Beißreflexe, insbesondere den von ihr „Identitätslinke“ genannten Gender-Aktivist*innen vorwirft, einen moralischen Totalitarismus anzustreben. Harld Welzer (2019) wiederum wundert sich, dass die Kritik von Beleidigungen und Diskriminierung von Minderheiten heute als links und progressiv gelte. Gepachtet hat das Recht auf diese Kennzeichnungen für ihn offenbar die Problematisierung „sozialer Ungleichheit“. Eine solche Haltung zieht sich meiner Wahrnehmung nach – mal zentral, mal eher am Rande – durch verschiedenste ‚Identitätspolitikkritiken‘. Dabei ist sie intellektuell gut vorbereitet. Sie kann etwa zurückgreifen auf die von Luc Boltanski und Ève Chiapello stark gemachte Unterscheidung von „Sozialkritik“ und „Künstlerkritik“ (vgl. Boltanski & Chiapello 2006). Aber auch die Diskussion in Anschluss an Didier Eribons Rückkehr aus Reims (Eribon 2009) neigt dazu, ein „zurück“ zur alten Klassenperspektive einzufordern (und damit Eribons ambivalente und differenzierte Haltung weitgehend zu vergessen).

Dieses Insistieren auf der Klassenfrage, bei gleichzeitiger Abweisung differierender Unterdrückungs- und Marginalisierungsdimensionen, muss, so scheint mir, besonders vor den Erfahrungen des historischen Faschismus erstaunen. Auch wenn man der Forderung zustimmt, dass, wer von Kapitalismus nicht reden will, vom Faschismus schweigen soll (vgl. Horkheimer 1939: 115), muss klar sein, dass die rein klassenreduktionistische Faschismusanalyse, wie sie im Sowjetmarxismus propagiert wurde, nicht nur falsch war, sondern gefährlich. Sie hat systematisch zu einer Falscheinordnung der faschistischen Gefahr geführt.

Dies kann etwa an den Auseinandersetzungen des Spanischen Bürgerkrieges deutlich gemacht werden. Helen Graham führt zu diesem eindrücklich aus, inwiefern der Konflikt zwischen Republik und Faschismus ganz wesentlich auch „Kulturkampf“ war (vgl. Graham 2008: 38). „Die Gewalttaten der [faschistischen] Rebellen richteten sich gegen jeden, der in sozialer, kultureller oder sexueller Hinsicht anders war“ (Graham 2008: 52). Bisweilen reichte es aus, eine Frau mit „eigenen Ideen“ zu sein, man könnte sagen: emanzipiert, um verschleppt und ermordet zu werden (ebd.). Auf der anderen Seite konstatiert Graham für die Freiwilligen der Internationalen Brigaden, dass diese ganz wesentlich auch durch ihren „eigenen Minderheitenstatus“ und entsprechende Diskriminierungs- und Verfolgungserfahrungen geprägt und motiviert waren (Graham 2008: 70). Damit ist wohlgemerkt keinesfalls gesagt, dass Klassenverhältnisse keine Rolle spielen. Das tun sie sinnvollerweise sowohl in der Analyse des Spanischen Bürgerkrieges als auch des Aufstiegs des deutschen Faschismus – und sie müssen ohne Frage auch heute entsprechend berücksichtigt werden. Die Geste aber, die Thematisierung und Kritik von Diskriminierungserfahrungen am ‚eigentlichen‘ Maßstab der sozialen Benachteiligung zu messen, scheint mir wenig einleuchtend.

Vermutlich ist es gerade eine ‚Leistung‘ moderner Formen der Diskriminierung, dass diese unwahrscheinliche Assoziation (oder wenn man will: Artikulationen) von sozialstrukturell divergenten Positionen erlauben. Dass Trump im Namen des Volkes vermeintliche Wahrheiten ausspricht, in dem er auf rassistische, sexistische, aber auch klassistische Stereotype zurückgreift und alles Abweichende abwertet, ist eben nicht hinreichend damit zu erklären, dass die Eliten repressive Sprachverbote erlassen, die „denen da unten“ die Stimme rauben. Vielmehr ist es als erklärungsbedürftiges Phänomen anzuerkennen, dass im Horizont diskriminierender Sprache wieder und wieder gelingt, eine klassenübergreifende rechte Hegemonie herzustellen, in der die Menschen problemlos auch ihre eigenen unmittelbarsten Interessen vergessen – auch hier lassen sich leicht Beispiele finden (etwa Jarvie 2019).

Angesichts dessen ist es weniger interessant, symbolische und soziale Ungleichheit gegeneinander auszuspielen, wie Harald Welzer es tut. Interessant wird es vielmehr, wenn man soziale Ungleichheit und Formen der Diskriminierung analytisch aufeinander bezieht – und dabei bereit ist, Ambivalenzen, etwa der Einforderung diskriminierungsfreier Sprache, oder der Berufung auf die (Arbeiter-)Klasse oder gar das Volk, wahrzunehmen und systematisch zu reflektieren. Eine solche Perspektive würde sicher auch einer sachlichen (Selbst-)Kritik der ,Identitätspolitik‘ gescholtenen Ansätze auf die Sprünge helfen, ohne gleich in semantische Feinderklärungen wie „moralischer Totalitarismus“ oder „Gegenaufklärung“ zu verfallen.

Literaturangaben

Boltanski L, Chiapello È. (2006): Der neue Geist des Kapitalismus.: UVK

Faßpöhler, S. (2019): Hören Sie auf, Sie beleidigen uns! Interview in: taz FUTURSZWEI Nr. 9, Juni 2019.

Eribon D. (2009): Retour à Reims. Paris: Flammarion

Graham, H. (2008): Der Spanische Bürgerkrieg. Stuttgart: Reclam

Horkheimer, M. (1939): Die Juden und Europa. In: Studies in Philosophy and Social Science, Band 8. The Institute of social research, New York 1939

Jarvie, J. (2019): He voted for Trump. Now he and his wife raise their son from opposite sides of the border, Los Angeles Times, 19.5.2019, https://www.latimes.com/nation/la-na-trump-voter-immigration-family-separation-georgia-20190519-htmlstory.html

l’Amour laLove, P. (Hg.) (2017): Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. Berlin: Querverlag

Welzer, H. (2019): „Eine anti-aufklärerische Mode“, Deutschlandfunk Kultur, 2.8.2019, https://www.deutschlandfunkkultur.de/identitaetspolitik-eine-anti-aufklaererische-mode.1005.de.html?dram:article_id=455321&utm_source=pocket-newtab.

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